Wie man Edmund verlässt

5. April 2004, 17:47
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600 Post-Its: Sie habe ihn verlassen, sagt Andrea, deswegen sei es ihre Aufgabe, Ersatz zu finden.

Bisher hat sich niemand gemeldet. Dabei hat der Bekannte doch 600 Zettel aufgehängt. Das, sagt Andrea, habe ihr der Bekannte jedenfalls versprochen: 600 Zettel, an gut sichtbaren Orten in ganz Wien. Weil Edmund eine Frau braucht. Sagt Andrea. Und Andrea weiß das. Schließlich hat sie Edmund verlassen.

Nein, sagt Andrea am Telefon, nein, das sei kein Witz, den sich irgendjemand mit ihr und ihrem Ex da erlaube. Und – fast empört, dann aber doch beinahe besorgt, etwas falsch oder missverständlich formuliert zu haben – nein, sie wolle Edmund damit keinen Streich spielen. Im Gegenteil: Sie habe ihn verlassen, sagt Andrea, deswegen sei es ihre Aufgabe, Ersatz – Andrea sagt das wirklich so – zu finden. Denn sie wolle und könne sich nicht mehr für Edmund verantwortlich fühlen. Darum habe sie ihn ja auch verlassen. Nach vier Jahren.

Post-It

Der Zettel hatte am Garagentor gehangen. Ein Post-It. Zusätzlich mit Tixo fixiert. „Erfolgreicher Geschäftsmann + Sportler“, stand da in sauberen Blockbuchstaben, „sucht Lebensgefährtin.“ Und weiter: „Alter 20-27 Jahre, Mind. 1,73m, schlank, sportlich. Information + Termin“ und dann zwei Telefonnummern. Zwei Wochen nachdem der Zettel auf meinem Tisch gelandet war, rief ich doch an. Die Festnetznummer gehört dem Anrufbeantworter eines Sportgeschäftes. Spezialisiert auf Wasserschi- und Wakeboardbedarf. Eher Groß- als Detailverkauf. Die Handynummer gehört Andrea.

Ich sei, sagt sie, der erste Anrufer überhaupt – abgesehen von ein paar 10-Jährigen, die sich über sie lustig gemacht hätten. Ob ich – abgesehen von meiner Neugierde – denn nicht vielleicht jemanden kennen würde, auf den die Beschreibung passen würde? Sie selbst, erzählt Andrea, sei für Edmund mittlerweile die Falsche: Zu klein, zu alt, zu blad. Sagt Andrea. Wörtlich. Trotzdem sei sie es, die ihn verlassen habe. Um ihre eigenen Probleme zu lösen. Dabei sei ein Partner nur störend. Wegen der Verantwortung. Die, sagt Andrea, wolle sie nun abtreten.

Zu viel Arbeit

Natürlich habe sie, sagt Andrea, auch schon daran gedacht, dass Edmund sich selbst auf die Suche nach einer Nachfolgerin machen könnte. Aber, seufzt sie, er arbeitet die ganze Zeit. Das sei ja das Problem. Aufstehen und bis zum Schlafengehen arbeiten. Sie habe es nur deshalb vier Jahre ausgehalten, weil sie ihre Maskenbildnerinnenausbildung abgebrochen habe, um sich Edmunds Wakeboardgeschäft zu widmen. Das betreibe man noch immer gemeinsam. Und Andrea und Edmund, sagt Andrea, wohnen auch noch zusammen. Nur in ein anderes Zimmer sei sie gezogen.

Das Problem, sagt Andrea, sei aber in Wirklichkeit weniger der Edmund als die anderen Frauen. Sicher, seine Ansprüche seien vielleicht nicht ganz zeitgemäß, aber so schlimm sei das auch wieder nicht: Frauen von heute, diese jungen Dinger, sagt Andrea (sie sei 35 und Edmund 42, erklärt sie), wollen nämlich unabhängig sein. Obwohl unabhängig doch auch nur heiße, von einem Chef abzuhängen. Aufopfernd und jemandem ergeben sein, seufzt Andrea, sei nicht mehr cool. Aber der Edmund, sagt Andrea, der brauche so jemanden.

Unvermittelbar

Sie habe es im Übrigen auch schon anderswo versucht: Auf ein Inserat im Kurier habe es genau Null Rückmeldungen gegeben. Partnerinstituten und den Internet-Kontaktseiten (wir, sagt Andrea, mögen das Internet beide nicht, das ist nichts für uns) traue sie, sagt Andrea, sowieso nicht über den Weg." Auch in Ungarn habe sie suchen lassen – aber was sich da gemeldet habe, entspreche halt einfach nicht ihren Vorstellungen von Edmunds Bedürfnissen. Und die, sagt Andrea, kenne sie ja wohl am besten. Schließlich habe sich Edmund während der letzten vier Jahre nicht verändert. Nur sie sei eben alt, zu alt für Edmund, geworden.

Mit dem Edmund irgendwohin zu gehen sei unmöglich, meint Andrea. Und die Wasserski- und Wakeboardszene, frage ich, lernt man da keine Menschen kennen? Ach, meint Andrea, das sind doch vor allem Männer. Und die paar Frauen sind alle zu klein und pummelig. Wegen der Muskeln.

Verantwortung

Der Edmund, sagt Andrea, wisse natürlich, dass sie ihre eigene Nachfolgerin sucht. Und das sei ihm recht. Obwohl, seufzt Andrea, am liebsten hätte er ja mich wieder. Aber das geht nicht. Und einige Leute verstünden alles falsch: Sie wolle nichts von ihm. Und sie habe auch kein Problem mit dem Loslassen, sondern sei eben eine Frau, die ihren Mann nicht ins Nichts fallen lasse. Das zeuge von Verantwortungsgefühl. Und dazu, sagt Andrea gehöre auch, dass sie den Edmund nicht ans Telephon hole: Für Suche und erste Kontakte sei sie zuständig. Irgendwann würde die Richtige anrufen. Schließlich hat ein Bekannter 600 Post-Its in Wien aufgehängt.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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