"Herceg-Bosna"-Sextett stellte sich UNO-Tribunal

6. April 2004, 15:59
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Prlic vor Gang nach Den Haag: "Freiheitskampf nicht in Frage stellen" - Tudjan-Sohn glaubt an Unschuld

Zagreb/Sarajewo - Sechs frühere Vertreter der 1992 einseitig ausgerufenen kroatischen Republik Herceg-Bosna in Bosnien-Herzegowina stellen sich am Montag wegen mutmaßlicher Kriegsverbrecher dem UNO-Tribunal in Den Haag. Darunter befindet sich der Ex-Ministerpräsident des illegalen Separatstaates und spätere bosnische Außenminister, Jadranko Prlic. Er ist überzeugt, seine Unschuld beweisen zu können und will den "Freiheitskampf" nicht "in Frage gestellt" sehen.

"Herceg-Bosna war in dem Bereich der Exekutivgewalt, an der ich beteiligt war, ein äußerst ehrlicher Versuch, einen gerechten gemeinsamen Staat zu bilden, dessen Bürger besser leben hätten können als heute. Ich bin dazu bereit, das zu beweisen", sagte Prlic laut der kroatischen Presseagentur Hina am Vortag seiner Abreise nach Den Haag. "Der Aufbau dieses Systems konnte keinesfalls zu Kriegsverbrechen führen", so der Ex-Minister, "ich bin aber auch bereit, die Rechte von Tausenden zu verteidigen, die für ihre Freiheit gestorben sind."

"Hehre Ziele des Freiheitskampfes"

Prlic fügte hinzu, dass er sich dem UNO-Tribunal freiwillig stelle. Er sei entsetzt, dass sein Name in der Anklage aufscheine. "Ich habe mehrmals verlangt, dass Leute, die Kriegsverbrechen begangen haben, bestraft werden. Es gibt also nichts, was die hehren Ziele des Freiheitskampfes, an dem wir teilgenommen haben, in Frage stellen kann."

Die Anklagen werfen den sechs unter anderem Kriegsverbrechen und Verstöße gegen die Genfer Konventionen während des Krieges in Bosnien-Herzegowina (1992-1995) vor. Sie implizieren laut kroatischen Medien aber auch den Vorwurf, dass diese Gruppe versuchte, die Angliederung dieses Teils von Bosnien-Herzegowina an Kroatien zu vollziehen. Von einer "Aggression" des kroatischen Staates ist aber nicht die Rede.

Kroatenfreie Zone

Zwischen November 1991 und April 1994 hätten sich "mehrere Personen zusammengeschlossen, um in Bosnien-Herzegowina eine Zone zu schaffen", die frei von allen "Nicht-Kroaten" sein sollte. Neben den Angeklagten seien auch andere einflussreiche Personen daran beteiligt gewesen. Unter anderen werden auch Kroatiens Präsident und Staatsgründer Franjo Tudjman, Ex-Verteidigungsminister Gojko Susak, der Präsident von "Herceg Bosna", Mate Boban, und der frühere kroatische Generalstabschef Janko Bobetko genannt. Alle vier sind bereits verstorben.

Allen diesen Personen wird Beteiligung an kriminellen Unternehmen vorgeworfen. Dies impliziert Ermordung, Misshandlung, Inhaftierung, Vertreibung und Ausplünderung von mehreren tausend Moslems in Bosnien-Herzegowina zwischen 1991 und 1994.

Tudjan-Sohn glaubt an Unschuld

Wie schon vor fast Wochen waren bei der Verabschiedung der sechs Männer keine offiziellen Vertreter Kroatiens anwesend. Einzig Miroslav Tudjman, Sohn des verstorbenen Präsidenten Franjo Tudjman, war als Politiker zum Flughafen gekommen, um zusammen mit zirka 250 Personen den Abflug zu erleben. Tudjman wies darauf hin, dass von den ersten zehn Offizieren von Herceg-Bosna sieben wieder freigelassen worden waren. Er hege die Hoffnung, dass dies nun ebenfalls geschehen werde.

Auch Prlic selbst glaubt offenbar daran, bald wieder nach Kroatien zurückkehren zu können: "Wir reisen als Unschuldige ab, und wir werden als Unschuldige wieder zurückkommen". (Red/APA)

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