Selbst ist der Doktor

13. April 2004, 12:01
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Täglich zur Kontrolle ins Spital? Bei Herzrasen sofort die Rettung rufen? Dank Biosignalforschung könnten lästige Wege und unnötige Kosten bald der Vergangenheit angehören: Der Patient wird mit dem Arzt vernetzt

Mithilfe moderner Informationstechnologien sollen Ärzte in Zukunft Patienten auch außerhalb von Ordinationen und Ambulanzen behandeln und beobachten können. Der große Bruder hängt am Gürtel und sieht aus wie ein handelsüblicher Pocket-PC, mit dem sich Termine verwalten und E-Mails verschicken lassen. Nur die angeschlossenen Kabel deuten auf eine komplexere Aufgabenstellung hin: Tatsächlich zeichnet das Gerät auf, was im Körper des Besitzers vor sich geht.

Je nach Konfiguration kann der Taschencomputer die Bewegungen einzelner Muskelgruppen oder der Augen, die Sauerstoffsättigung im Blut oder gar die Aktivitäten von Herz und Hirn speichern. Elektrische Signale von einem Millionstel Volt werden dabei verstärkt und auf die Festplatte des PDA gebannt. Das Gerät könnte die Daten aber auch per eingebauter Handykarte an eine Ärztezentrale verschicken. "Denkbar wäre die Überwachung chronisch kranker Patienten", sagt Günter Edlinger von der Grazer Medizintechnikschmiede Guger Electronics, die Pocket-PCs zum Diagnosegerät aufrüstet und dafür vom Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft (FFF) unterstützt wurde. "Der Computer könnte sofort Alarm schlagen, sobald sich der Zustand des Patienten verschlechtert."

Was wie eine leicht obsessive Fantasie von versponnenen Technikbastlern klingt, liegt gut im Trend: Unter dem Stichwort Tele-Healthcare entwickeln europaweit Dutzende Forschergruppen Gerätschaften, mit denen sich der Gesundheitszustand kranker Menschen über beliebige Distanzen diagnostizieren lässt. Die EU investiert in diese Schnittstelle von Medizin und Computerwissenschaften. Geht es nach den Vorstellungen der Telemediziner, werden in Zukunft immer mehr Patienten an der langen Leine geführt oder überwacht.

"Vor fünf Jahren wären solche Ideen noch gar nicht zu verwirklichen gewesen", sagt Bernhard Tilg von der Innsbrucker Privatuni für Medizininformatik, UMIT, die gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum HITT an mehreren Telemedizinprojekten arbeitet. Vergangene Woche stellte man ein Onlinebefundsystem Österreichs vor, mit dem niedergelassene Ärzte Spitalsbefunde und Bilder per Mausklick abrufen können - auch für den Patienten soll das bald möglich sein. Auf der Internetplattform Dame von Telekom Austria tauschen schon heute 1800 Ärzte, Krankenhäuser und Labors täglich bis zu 2500 Befunde aus und ersparen ihren Patienten unnötige Wege. In Zukunft könnte auch die Untersuchung selbst außerhalb von Ordinationen und Ambulanzen stattfinden. "Die Beobachtung von Patienten mit Herzinsuffizienz, Epilepsie oder psychologischen Beschwerden wäre technisch möglich", so Tilg.

Rechtliche Probleme

Als Musterbeispiel der Branche gilt die derzeit in Graz laufende Projektstudie Mobitel, bei dem Herzschwächepatienten dank IT-Unterstützung besser betreut werden sollen. Doch während viele technische Fragen schon gelöst sind, bleiben rechtliche Probleme wie etwa die Haftung für die Richtigkeit von Ferndiagnosen noch offen. Und: In Österreich werden die Leistungen der Telemediziner von den Versicherungen derzeit nicht bezahlt. So funktioniert auch das Projekt Teledermatologie der Grazer Universitätsklinik nur dank der freiwilligen Mitarbeit der Beteiligten. Ärzte aus der Region können Digitalfotos von verdächtigen Hautveränderungen ihrer Patienten in ein nur für einschlägige Experten zugängliches Internetforum stellen. "Die Fachleute sehen oft schon nach einem Blick, ob das Bild ein gefährliches Melanom oder ein harmloses Muttermal zeigt", so Gerald Gabler von der Abteilung für EDV und Telekommunikation des Grazer Uniklinikums. Bisher haben die Hautspezialisten bereits 1500 Bilder am Bildschirm analysiert und entsprechende Ratschläge erteilt. Ähnlich das Projekt Tele-Ulkus. Hier schicken Heimpflegerinnen in regelmäßigen Abständen Digitalbilder ihrer Patienten ins Krankenhaus, wo die Entwicklung von Wunden kontrolliert wird. Zuvor mussten die Patienten alle zwei Wochen zur Beobachtung ins Spital gebracht werden.

Doch während in den USA Patienten für Fernexpertisen mit Kreditkarte bezahlen, hapert es in Österreich noch mit der Vergütung der ärztlichen Leistung. Gabler: "Es scheitert daran, dass es bei der Telemedizin niemanden gibt, der den Krankenschein zum Arzt trägt." Dennoch planen Telemediziner bereits eine noch lückenlosere Betreuung: Deutsche Anbieter wollen Handys mit eingebauten Elektroden an Herzpatienten verleihen. Wenn ein Patient einen Herzanfall befürchtet, kann er sich die Elektroden auf die Brust drücken. Per UMTS werden Werte an eine Ärztezentrale übermittelt.

Aber nicht alle sind von einer Überwachung begeistert. "Vielen ist es nicht ganz geheuer, wenn Daten so verschickt werden", so Gerald Gabler. "Um das notwendige Vertrauen in diese Systeme zu bekommen, ist noch einiges zu tun." (Günther Strauss/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 4. 2004)

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