Interview: Der Computer ist immer und überall

13. April 2004, 12:02
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Die Welt wird in absehbarer Zukunft von unsichtbaren und zugleich allgegenwärtigen Computersystemen durchsetzt sein

... sagt Alois Ferscha, Experte für Pervasive Computing, im Interview mit Karin Tzschentke.

STANDARD: Was soll sich der Durchschnittsmensch unter dem Begriff Pervasive Computing vorstellen?

Ferscha: Pervasive Computing orientiert sich im Gegensatz zum Personal Computing nicht an einem individuellen Gerät wie dem PC, sondern am Menschen, an der Funktion und an der Bedienung. Der PC, das Gerät an sich, wurde konzipiert und entwickelt, um dem Durchschnitt zu genügen - doch kein Benutzer ist Durchschnitt! An die Stelle universell einsetzbarer PC treten vermehrt aufgabenspezifische, miniaturisierte bzw. kaum sichtbare, einfach und intuitiv handhabbare und in die Infrastruktur eingebettete Computer.

STANDARD: Wo werden diese Computer der Zukunft überall zu finden sein?

Ferscha: "Der Computer" ist nicht ein Gerät, sondern die Summe aller vernetzten Gebrauchsgegenstände, Fahrzeuge, Arbeits- und Wohnräume, Möbel, unsere Kleidung, ja selbst die Natur. Der Computer und alle seine Funktionen dringen in Alltagsgegenstände und Lebensräume ein. Bildschirme und Tastaturen als Ein- und Ausgabemittel verschwinden - kleinste versteckte Sensoren nehmen ihre Umgebung, die Gegenwart des Menschen, seine Bedürfnisse, seine Gewohnheiten, seine Absichten, ja sogar seine Emotionen wahr, und kleinste versteckte Aktuatoren steuern diese Umgebung und wirken unaufdringlich, zielorientiert und vorausschauend auf den Menschen zurück.

STANDARD: Was waren die Ausgangspunkte für diese Forschungsrichtung?

Ferscha: Die grundlegenden Gedanken dazu kamen Anfang der 90er-Jahre von Mark Weiser, damals Lead Scientist am Palo Alto Research Center. Der von ihm geprägte Begriff Ubiquitous Computing gilt als der historisch erste, der einen Paradigmenwechsel in der Gestaltung von Computersystemen und deren Benutzbarkeit fordert. Für mich vermittelt der Begriff Pervasive Computing den Leitgrundsatz am besten, nämlich auf die Funktion reduzierte, vom Gerät entkoppelte, intelligente Informationsdienste bereitzustellen (überall, zu jeder Zeit, bezogen auf die Person und ihre aktuelle Situation), wobei keine Technologie, kein Gerät, kein Computer mehr als solcher erkennbar ist.

STANDARD: Seit wann gibt es denn diesen Forschungsbereich an der Universität in Linz bzw. im Softwarepark Hagenberg?

Ferscha: Im Jahr 2000 habe ich meine Arbeit an der Johannes-Kepler-Universität Linz unter dem Titel Pervasive Computing aufgenommen. Damals war der Begriff hierzulande weit gehend unbekannt. Mit unseren Softwarearchitekturen für vernetzte eingebettete Systeme konnten wir aber bald mit anschaulichen Demonstratoren wie Großflächendisplays zeigen, wo die Herausforderungen und Anwendungen in diesem Gebiet liegen. Heute arbeiten acht Informatikinstitute am Exzellenzschwerpunkt für Pervasive Computing mit.

STANDARD: Was waren einige der bisherigen Ergebnisse Ihrer Forschung?

Ferscha: Da sind z. B. Großflächendisplays, auf denen man mit dem Mobiltelefon schreiben kann, die so genannte WebWall, ein Internetkoffer, der seinen Inhalt, Aufenthaltsort und seine Reisehistorie über das Internet zugreifbar macht. Oder das Projekt DigitalAura, bei dem es um ein Hemd geht, das selbstständig sein Waschprogramm einstellt, oder DigiScope, ein Durchsichtdisplay, das dem menschlichen Auge die an reale Objekte angeknüpfte digitalen Inhalte sichtbar macht.

STANDARD: Erlauben Sie dazu eine vielleicht etwas ketzerische Frage: Wozu brauchen wir das?

Ferscha: Diese Frage wurde z. B. auch bei der Mobiltelefonie gestellt. Und dennoch ist heute mehr als ein Viertel der Menschheit auf diese Weise miteinander "vernetzt". "Being connected" - also die Vernetzung von Menschen und in der Folge von Dingen - ist aber nur der erste Schritt. Die nächste Herausforderung ist "being aware", das über die Vernetzung hinausgehende Voneinander-gewahr-Werden der Dinge untereinander bzw. eine "Intelligenz" vernetzter Dinge, also das unsichtbare, unaufdringliche, aber wissens- und planbasierte Handeln im Hintergrund, sprich: "being smart".

STANDARD: Was soll uns dieses "being smart" denn eigentlich bringen?

Ferscha: Persönlich sehe ich darin die Chance auf Rück- eroberung menschlicher Lebensstile, mit der Möglichkeit, überall und jederzeit technologieunterstützt zu lesen, zu rechnen, zu suchen - aber ohne PCs; zu kommunizieren - aber ohne Handys; präsent zu sein - aber ohne reisen zu müssen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 4. 2004)

ZUR PERSON:
Alois Ferscha ist Universitäts- professor und Vorstand des Instituts für Pervasive Computing an der Johannes-Kepler- Universität in Linz. Er leitet auch die im Jahr 2003 gemeinsam mit dem Land Oberösterreich eingerichtete Technologietransfer- plattform Pervasive Computing im Softwarepark Hagenberg.
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