Wiener Tanzquartier: "Suppe essen" und "guter, heftiger Sex"

4. April 2004, 20:00
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Andrea Bold anatomisiert im Tanz das Ich

Wien - Gutes Wasser, in ordentlichen Suppenschüsseln auf die Bühne getragen, rote Handtücher über die Köpfe gelegt und erst einmal schön inhalieren. Sechs Figuren beginnen ein Stück. Ein Mann lüftet seinen Frotteeschleier, zückt einen Maggiwürfel, bröselt sich eine Suppe ein, kostet genüsslich und sinniert laut, warum das Ich und das Glück ein ungleiches Paar sein muss. Solcherart hebt das jüngste Stück der Wiener Choreografin Andrea Bold Schmeichel: Abbau und Fluss III. Zur Anatomie des Ichs im Wiener Tanzquartier ab.

Eine geradezu himmelstürmende Arbeit, in der ungeheure Inhaltslasten im sanften Flug leichtgezaubert werden. Denn auf eine "Liste potenzieller Glückserzeuger" gehört zuvörderst das "Suppeessen", daneben auch "guter, heftiger Sex". Auch hüpfende Organe taugen wohl, denn: "Wenn der Magen sich hebt und dann ins Gedärm einsinkt - herrlich!". Das Gefühl der richtigen Einbettung von Reichhaltigem durchwallt diese köstliche Tanzperformance.

Wohltuend witzig

Ob während des bauchgelagerten "Beweises zur Überflüssigkeit der Ich-Identität" oder einer galoppierenden Nabelschau, dem Tanz zu Heartbeats oder der verantwortungsvollen Aufgabe des Achselbrütens - Bolds Tanzverein Erdberg weiß Rat: Abbau des Schmeichelns, Versuppung des Ichs, Musik machen. Und dann ist es so weit: Bei Blickkontakt mit den Tänzern erhält das Publikum Pirouetten geschenkt.

Schmeichel: Abbau und Fluss III. Zur Anatomie des Ichs ist ein Geschenk gleichermaßen für schwere Herzen und für gewitzte Gemüter. Andrea Bold, die zu jenen Wiener Choreografinnen gehört, die seit Jahren beinahe schon gewohnheitsmäßig unterschätzt werden und die daher nur selten Gelegenheit haben, ihre wohltuend witzigen Werke zu veröffentlichen, ist ein wunderbarer Wurf gelungen.

Der Philosoph und DJ Karl Bruckschwaiger, der Schriftsteller und Musiker David Ender, der Gitarrist und Aquarist Peter Panayi, der Wachauer Pestbläser Michael Bruckner, der Theaterwissenschafter Cezary Tomaszewski und die Waschsalonexpertin Katharina Weinhuber bilden ein Dreamteam auf der Bühne. Kostbare Persönlichkeiten, die in den einzigartigen choreografischen Gespinsten von Andrea Bold einen Tanz aufführen, der unserer Nabelschaukultur eine Abfuhr erteilt. Damit das Ich und das Glück vielleicht doch noch zueinander finden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.4.2004)

Von
Helmut Ploebst
  • Rote Handtücher über die Köpfe gelegt und schön inhalieren: der Tanzverein Erdberg von Andrea Bold.
    foto: tanzquartier

    Rote Handtücher über die Köpfe gelegt und schön inhalieren: der Tanzverein Erdberg von Andrea Bold.

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