Kunsthalle Leoben: "Götter, Helden, Ahnen" - und viel Folklore

9. April 2004, 13:25
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Gefiltertes Panoptikum: Kunsthalle Leoben zeigt kulturhistorische Schau "Faszination Vietnam"

Das Wiener Völkerkundemuseum bleibt auf Jahre geschlossen, aber zumindest gibt es die Kunsthalle Leoben: In Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum zeigt man bis 1. November die kulturhistorische Schau "Faszination Vietnam". Es geht um "Götter, Helden, Ahnen" - und viel Folklore.


Leoben - Die Kunsthalle Leoben hat sich auf Fernreisen spezialisiert. Nach China, Tibet, Peru, Ägypten, der Mongolei und Japan beliefert nun Vietnam eine zur fernöstlichen Erlebniswelt zurechtgeputzte, ethnografisch orientierte Strecke quer durch Geschichte und Kultur. Und das, obwohl die Guerillakriege (zuerst mit Frankreich, dann mit den USA) noch immer für die ersten Bilder sorgen, die man mit Vietnam verbindet.

Um derart hartnäckige Assoziationen kommt man nicht herum, auch wenn man eigentlich nur Kostbarkeiten zeigen möchte. Also wurde das Heikle am Thema nicht gänzlich ausgeblendet, sondern in zwei recht leicht übersehbaren Nebengewölben untergebracht. Persönliche Gegenstände vietnamesischer Kämpfer werden hier nebst Kriegsgerät und einem zufrieden vor idyllischer Natur dargestellten Ho Chi Minh als Zeugen aufgerufen.

Die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts hätten eine differenziertere Aufarbeitung leicht vertragen, verderben aber auch nur allzu leicht den Appetit, wenn nicht den Sonntagsausflug überhaupt. Auf die Pflicht folgt daher eine bei weitem breiter angelegte Kür. Und diese fällt tatsächlich recht artistisch aus: 670 Exponate drängen sich auf 1100 Quadratmetern. 415 unter ihnen haben Vietnam zum ersten und (wie man versichert) letzten Mal verlassen. Die übrigen sind Leihgaben erster Adressen.

Geboten wird eine mit edlem Kunstgewerbe illustrierte, chronologisch aufgefädelte Historie, die in der bronzezeitlichen Dong-Son-Kultur und also mit der ersten Staatenbildung auf vietnamesischem Terrain beginnt, vom 1000-jährigen Kampf gegen die chinesische Herrschaft unterrichtet und alle Dynastien von Bedeutung aufführt.

Bronzetrommeln, die als Regenmacher auch magische Funktion erfüllten und heute zu den vietnamesischen Nationalheiligtümern gezählt werden, eröffnen den dichten Parcours. Darstellungen Shivas, seiner Gemahlin Durga, Brahmas, des mythischen Vogels Garuda, Buddhas oder der Mitleidsgöttin Avalokiteshvara verdeutlichen die komplex gestaltete Götterwelt.

Dezenter in Erscheinung tretende Impulse fremder Kulturen - wie etwa die Darstellung chinesischer Musikinstrumente auf einer überreich verzierten Säulenbasis - wird der Experte würdigen. Der schlangenförmige Drache mit schalkhaftem Blick, als mythischer Ahnherr verehrt und sogar noch im Krieg gegen die Franzosen zur Mobilmachung verwendet, findet sich fast überall, ob auf Architekturelementen, Tellern, Schüsseln oder Räuchergefäßen. Ob wörtlich vorgetragen oder in Stilisierungen versteckt, hilft er besonders bei der Trennung vom Chinesischen, gerade was das Porzellan betrifft, das sonst an Ming-Ware erinnert.

Zauberhaftes Märchen

In die mit langem Atem vorgetragene Erzählung findet sich auch manch zauberhaftes Märchen eingeflochten. Wie die in Vietnam weit verbreitete Geschichte der Kieu, die eine unglückliche Liebe schildert, zwischen den Zeilen aber das politische System zu kritisieren und konfuzianische Moral zu preisen weiß.

Ein Seitenblick wird auf die Ausbildung der Mandarine und in die Verbotene Stadt geworfen, ehe die Bräuche, Riten und Lebensumstände von sechs der 54 (!) ethnischen Gruppen Vietnams in einem zweiten Abschnitt eine anschauliche Würdigung erfahren. Dem Besucher wird aber auch hier ausschließlich Traditionsgebundenes präsentiert. Also markieren Trachtenpärchen die wesentlichsten Unterschiede der verschiedenen Ethnien.

Kurator Christian Schicklgruber war für Faszination Vietnam groß einkaufen. Um die in Filmen transportierten Bilder vom Leben um die Feuerstelle der Muong oder vom traditionellen Wasserpuppenspiel authentisch nachzustellen, hat er eine Küche samt Inventar in die Leobner Kunsthalle transferiert und ein Set der an langen Stangen geführten Wasserpuppen erworben.

Drei Altäre zur Ahnenverehrung (in Vietnam die heiligsten Orte jedes Haushalts) wurden ebenfalls samt Opfergaben angeschafft. Ritualkarten und Priestergewänder möchten den eigenständigen Taoismus der Daos verdeutlichen. Hölzerne Grabfiguren, die das Grabhaus umstellen, solange die Toten noch nicht endgültig verabschiedet wurden, sind als Besonderheit der Gia Rai gezeigt.

Eine doch offenkundig recht nostalgisch eingefärbte Perspektive bestimmt die Sicht auf das moderne Vietnam. Was etwa an moderner Kunst den Weg in die Ausstellung gefunden hat, bleibt weit gehend der alten Tuschzeichnung oder Holzschnittkunst verpflichtet. Stattdessen wird vielfach aufgeboten, was sich als pittoreskes Bild den Wochenmärkten und dem Straßenbild entnehmen lässt. Mit Fischreusen oder Plastikwaren übervoll beladene Fahrräder oder drei zur Gänze aufgekaufte Läden verdichten mehr oder minder vage Vorstellungen symbolisch. Die im Titel mitgeführte "Faszination" will schließlich überall umhegt und nirgendwo gestört sein. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.4.2004)

Von
Ulrich Tragatschnig
  • Der Druck "Dai Cong Dong" stellt das Pantheon der Medien dar: Gottheiten, die im Ritual von einem Medium Besitz ergreifen können, sind in ihrer Darstellung unter dem Buddha und den "Königen der Vier Reiche" angesiedelt.
    foto: kunsthalle leoben

    Der Druck "Dai Cong Dong" stellt das Pantheon der Medien dar: Gottheiten, die im Ritual von einem Medium Besitz ergreifen können, sind in ihrer Darstellung unter dem Buddha und den "Königen der Vier Reiche" angesiedelt.

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