Täglich drei Einsätze für Entminungsdienst

6. April 2004, 09:48
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Seit 1945 wurden in Österreich 25 Millionen Kilogramm an Bombenblindgängern gefunden und entschärft

Wien - Wenn Willibald Berenda seine "Buam" losschickt, herrscht immer höchste Alarmstufe. Berenda ist Chef des österreichischen Entminungsdienstes, pro Tag werden die Spezialisten zu durchschnittlich drei Einsätzen gerufen. Fast immer geht es um zufällig gefundene Kriegsrelikte. Im Vorjahr wurden 54.581 Kilogramm sprengfähiger Kriegsmunition geborgen, entschärft und vernichtet, wie das Bundeskriminalamt am Sonntag bekannt gab.

Auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg lauern in Österreich immer noch Tausende Handgranaten und Bombenblindgänger. Die Bergungen seien zum Großteil sehr kompliziert gewesen, da sie überwiegend in unwegsamem Gelände wie zum Beispiel im Hochgebirge, auf Industriebaustellen oder in Gewässern durchgeführt werden mussten, heißt es im Jahresbericht des Entminungsdienstes. Allein bei Taucheinsätzen wurden in 191 Tauchstunden 17.840 Kilo an Sprengmaterial geborgen.

Niemals Routine

Dass es sich bei den Einsätzen der Entminer niemals um Routine handelt, wurde im Vorjahr auf besonders schmerzliche Weise bewusst. Beim Versuch, am 17. Juli auf dem Gelände der Spedition Schenker in Salzburg einen besonders gefährlichen amerikanischen Blindgänger mit Langzeitzünder zu entschärfen, explodierte die 250-Kilo-Bombe - DER STANDARD berichtete. Bei dem Unglück wurden die beiden Spezialisten Thomas M. (38) Gerhard P. (42) getötet. Ein weiterer aus dem Team erlitt schwere Verletzungen. Der schwere Zwischenfall hatte sich ereignet, obwohl alle Sicherheitsbestimmungen eingehalten worden waren.

Seit 1945 hat der Entminungsdienst die schier unglaubliche Menge von 25 Millionen Kilogramm an Blindgängern vernichtet. Insgesamt wurde eine Fläche von mehr als 56 Quadratkilometern systematisch abgesucht und wieder zur Nutzung freigegeben. Insgesamt 13 Sprengstoffspezialisten sind in den vergangenen 59 Jahren ums Leben gekommen.

Zurzeit wird in Österreich nur in der Stadt Salzburg systematisch nach Bombenblindgängern gesucht. Die Gegend um den Hauptbahnhof war in den Jahren 1944 und 1945 ein strategisches Ziel für die Bomber der Aliierten. Nach Schätzungen von Experten könnten 30 Prozent aller abgeworfenen Fliegerbomben nicht detoniert sein. Die Explosion im vergangenen Juli war nicht die erste in dem Gebiet, in den 70er-Jahren explodierte ein Relikt unter einer Tankstelle. Auch rund um den Ölhafen Lobau bei Wien werden noch bis zu 300 Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet. (Michael Simoner, Der Standard, Printausgabe, 05.04.2004)

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    Die Gefahr von Kriegsrelikten ist noch längst nicht gebannt, der Entminungsdienst des Innenministeriums muss durchschnittlich dreimal täglich ausrücken.

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