Polen: Boulevard schürt Terrorangst

6. April 2004, 14:41
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Auch Innenminister warnt - Präsident Kwasniewski angeblich im Visier

Kurz vor Ostern schüren Polens Boulevardblätter die Terrorangst. "Gott schütze den Präsidenten", titelt Fakt und zeigt Präsident Aleksander Kwasniewski zusammen mit einem stilisierten El-Kaida-Totenschädel im Zielfernrohr eines Gewehres. Mitglieder des Terrornetzwerkes hätten sich mit der Rolle des polnischen Präsidenten im Irak-Krieg beschäftigt. Die Amtszeit Kwasniewskis endet 2005, "aber wir bitten Allah, dass ihn noch vorher die Erde verschlingen möge", heißt es laut Fakt im El-Kaida-Papier.

Auch Superexpress weiß, was Polen droht: Das Ziel der Terroristen ist Jasna Gora. Am 11. April, wenn Zehntausende Katholiken zu Polens größtem Heiligtum, der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, pilgern, könne El-Kaida im Klosterkomplex auf dem Hellen Berg (Jasna Gora) eine Bombe explodieren lassen.

Angeblich, so will Superexpress wissen, habe das Terrornetzwerk Bin Ladens bereits 2003 über zwei Millionen Dollar auf polnische Konten überwiesen, um damit Waffen und Sprengstoff in Polen zu kaufen. Doch inzwischen sei Polen selbst zu einem Ziel geworden. Auch Innenminister Józef Oleksy, der bislang immer abwiegelte, warnt: "Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Polen ist deutlich zu sehen. Je mehr Streit es um unser Engagement im Irak gibt, umso größer wird der Anreiz, dies auszunutzen." Daher würden die Polizeiaufgebote zu den großen Pilgerfeiern an Ostern, zum Marsch der Lebenden in Auschwitz am Gedenktag für die Schoa und zum Europäischen Wirtschaftsgipfel in Warschau Ende April deutlich aufgestockt.

Was tatsächlich an zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wird, erfahren die Polen nur in homöopathischen Dosen. Möglicherweise soll so verhindert werden, dass auch Terroristen erfahren, wovor sie sich in Polen in Acht nehmen müssten.

Die Folge ist allerdings, dass ständig Foto- und Fernsehreporter unterwegs sind und Sicherheitslücken aufdecken. So haben sie - völlig unbehelligt von Polizei oder Wachleuten - Bombenattrappen an Flugzeugen, in der Warschauer Metro und an Chemietanks angebracht. Die gleichzeitig von Regierungspolitikern ausgegebene Parole "Wir haben alles im Griff" ließ das Vertrauen in Politik und Polizei in den Keller sinken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.4.2004)

Gabriele Lesser aus Warschau
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