Bush weihte Blair frühzeitig in seine Irak-Kriegspläne ein

8. April 2004, 13:18
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Erstes Gespräch bereits neun Tage nach WTC-Anschlägen

London - US-Präsident George W. Bush sieht sich mit neuen Vorwürfen der Fixierung auf den Irak in der Terrorbekämpfung konfrontiert. Nur neun Tage nach den Anschlägen des 11. September 2001 suchte er in einem Gespräch mit dem britischen Premierminister Tony Blair Unterstützung für den Sturz von Saddam Hussein, berichten britische Sonntagszeitungen unter Berufung auf Christopher Meyer, den damaligen Botschafter Londons in Washington. Blair habe damals erwidert, erstes Ziel in der Terrorbekämpfung müssten die Taliban und El Kaida sein.

Darauf erwiderte Bush nach einer ausführlichen Darstellung des US-Magazins "Vanity Fair", auf die sich die britischen Zeitungen stützen: "Ich stimme zu, Tony. Damit müssen wir zuerst fertig werden. Aber wenn wir Afghanistan erledigt haben, müssen wir uns den Irak vornehmen." Nach Angaben von Meyer war von Anfang an klar, dass es nicht um neue oder verschärfte Sanktionen, sondern um einen Regimewechsel im Irak ging.

Falsche Prioritäten

Die Enthüllungen ergänzen die Vorwürfe des ehemaligen obersten US-Terrorbekämpfers Richard Clarke, der Bush vorwirft, von Anfang an vom Thema Irak "besessen" gewesen zu sein und daher im Kampf gegen den Terrorismus die falschen Prioritäten gesetzt zu haben. Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice muss dazu vor einem Kongressausschuss öffentlich Stellung nehmen. Der Versuch, dies zu verhindern, ist für den früheren Mitarbeiter von Ex-Präsident Richard Nixon, John Dean, ein weiterer Beweis, dass die Bush-Administration sich der öffentlichen Kontrolle zu entziehen versucht, wie er in seinem Buch "Worse Than Watergate" schreibt.

Für Tony Blair sind die Enthüllungen über seine Gespräche mit Bush eine neue politische Belastung, denn sie widersprechen seiner Darstellung, dass bis kurz vor Kriegsbeginn im März 2003 die Entscheidung offen war. Die Sonntagszeitung "The Observer" zitiert die frühere Entwicklungsministerin Clare Short, wonach Blair diese Zusage auch wiederholt ihr persönlich und dem Kabinett gegeben habe. Im Gegensatz dazu gehe schon aus Gesprächen zwischen Bush und Blair vom Juni 2002 klar hervor, dass die Kriegsvorbereitungen bereits im Gange waren. Ein Regierungssprecher in London erklärte am Sonntag dazu nur, dass es monatelange Verhandlungen zum Thema Irak gegeben habe.

Blair bemühte sich laut dem Bericht von "Vanity Fair" intensiv, die USA zur Zusammenarbeit mit der UNO zu bewegen. Wegen rechtlicher Bedenken wollte Blair eine UNO-Resolution für den Krieg gegen den Irak. Kurz vor Beginn der Kampfhandlungen signalisierte Frankreich plötzlich, dass man einen Krieg auf Grundlage der bestehenden UNO-Beschlüsse mittragen könne. Die USA und Großbritannien setzten auf eine weitere Resolution, Frankreich lehnte diese ab. Das Verhältnis zwischen London, Washington und Paris ist seither zerrüttet. Der Krieg begann wenig später ohne neue UNO-Ermächtigung. (APA)

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