Natur heilt auch ohne Beweis

4. April 2004, 11:30
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Otto Schlappack verbindet Krebstherapie und Homöopathie

Tiere und Pflanzen schaut sich Otto Schlappack im Schönbrunner Zoo an. Klingt banal nach Frische-Luft-Schnappen, aber für den Strahlentherapeuten vom Wiener Allgemeinen Krankenhaus ist das auch mit seinem Interesse an der Homöopathie verbunden. Er schaut sich quasi den "Rohstoff" an, aus dem die hochwirksamen Mittel gemacht sind. Schlappack will die Natur und damit die Homöopathie und deren Herkunft besser verstehen.

Versuche mit den vielfach verdünnten Stoffen (je höher die Verdünnung, desto wirksamer und man spricht von "Hochpotenzen") wurden bereits vor 200 Jahren gemacht. Erstmals ist es vor wenigen Wochen an der Uni Leipzig gelungen, an einem Stück Rattendarm den schulmedizinischen Nachweis zu erbringen, dass Homöopathie wirkt.

Warum Arzneien wie Tollkirsche, Phosphor, Schlangenserum Hasenfell und vieles andere den Patientinnen und Patienten gut tun, ist - nach rein naturwissenschaftlichen Kriterien - immer noch ein Rätsel. Von den für die wissenschaftliche Beweisführung erforderlichen Doppelblindstudien hält Schlappack im Fall der Homöopathie nichts. Man könne nicht 100 Patienten die gleiche Arznei geben und dann Schlüsse auf die Wirksamkeit ziehen. Für gleiche Leiden bekommt nämlich in der Homöopathie jede Person ein anderes Mittel. Brustkrebspatientinnen, deren Juckreiz oder Schweißausbrüche im Zuge der Strahlentherapie gelindert werden, liefern ihm genug Hinweise. Das Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathie vertraut auf eigene Beobachtungen, die er auf Kongressen präsentiert. In einem kleinen Büchlein notiert er Termine mit Patienten. Beim Durchlesen hat er deren Geschichte präsent.

Der gebürtige Bregenzer freut sich schon auf Mai. Da wird er in Toronto/ Kanada zum zweiten Mal den indischen Experten der Naturheilmedizin bei einem Seminar treffen. Schlappack, 1956 geboren und in den 70er-Jahren zum Studium nach Wien ausgewandert, weil ihn "das Leben in Vorarlberg ein bisschen eingeengt" hat, hat sich schon zu Beginn seiner Medizinkarriere mit Alternativmethoden beschäftigt. Der Weg führte den ruhig und überlegt formulierenden Arzt über eine psychotherapeutische Selbsterfahrung. Dass er nach außen so besonnen wirkt, schätzen Patienten. "Aber ich kann schon ein ganz schönes Häferl sein". Ungeduld ist die Eigenschaft, die dahinter steckt.

Beim Spazierengehen reinigen sich die Gedanken. So schließt sich der Kreis zur Natur, aus der Schlappack so viel bezieht. Die Freizeit genießt er in Rossatz in der Wachau. Dort hat er sich vor Jahren mit seiner Frau, einer Krankenschwester am Orthopädie-Spital in Speising, ein Winzerhaus gekauft. Eigener Weingarten und -keller inklusive. Echter Weinexperte? Nein, winkt er ab. Er wisse einfach nur, wie viel Arbeit dahinter steckt. Er habe selber im Spätwinter Rebstöcke geschnitten, im Herbst Wein gekeltert. Diese Arbeit wurde aber mittlerweile mit dem Verkauf des Weingartens aufgegeben. So hat der Frühaufsteher ein wenig mehr Zeit, mit seinen Kindern zu "Harry Potter" und "Brauner Bär" ins Kino zu gehen. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 4. 2004)

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    illustration: der standard/schopf
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