Augen der Hingerichteten von Plötzensee

9. April 2004, 19:00
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Michael Hubenstorf im Interview: Im Bereich der Neurologie werden heute noch NS-Studien zitiert

STANDARD: Ergebnisse der NS-Krebsforschung sollen als Nazipropaganda ignoriert worden sein. Welche Erkenntnisse wurden aber übernommen?

Hubenstorf: Die tatsächliche wissenschaftliche Ausbeute des Nationalsozialismus ist äußerst mager. Forschungen zur Auswirkung des Rauchens waren relativ peripher, wurden spät publiziert, beruhten nicht auf menschenverachtenden Versuchen. Doch im Bereich möglicherweise vererbter Krankheiten, in der Neurologie finden wir eine Vielzahl von Studienergebnissen aus dieser Zeit. Die wissenschaftlichen Arbeiten des Wiener Primarius Heinrich Gross etwa, die bis ins internationale Handbuch International Handbook of Neurology eingingen, werden noch heute zitiert. Man muss den Wissenschaftern klar machen, dass diese aus verbrecherischen Versuchen stammen.

STANDARD: Und was noch?

Hubenstorf: Man muss eigentlich bei jeder Publikation aus dieser Zeit aufpassen, worauf die Erkenntnisse beruhen. Da oder dort steigt die Sensibilität der Wissenschafter. Ein Augenarzt aus Berlin beispielsweise zeigt seinen Studenten immer eine Arbeit über Erkenntnisse einer bestimmten Struktur im Auge, die in einem anatomischen Journal veröffentlicht wurde. Dabei stellt er fest, dass sich alle Studenten nur auf die Ergebnisse konzentrieren, nicht auf den Ursprung des untersuchten Materials. Die untersuchten 200 Augenpaare stammen von einer Gruppe von Menschen, die plötzlich gestorben sind. Ganz plötzlich? 200 Menschen? Es waren die Augen von den Hingerichteten von Plötzensee. Fallbeil. Das ist sozusagen der gesamte hingerichtete deutsche Widerstand von 1944, die Auswertung ihrer Augen wurde in einer anatomischen Zeitschrift des Jahres 1947 verewigt. Und der Herr Forscher hatte Zugang direkt ins Gefängnis. Das kann man eigentlich aus all diesen Dingen herauslesen.

STANDARD: Warum tut man das erst heute, 57 Jahre später?

Hubenstorf: Das liegt vielleicht an der Ratlosigkeit einer Generation der 60er-, 70er-, 80er-Jahre, die sich das nicht vorstellen konnte oder wollte. Das Beispiel mit den Augen zeigt aber einen Bewusstwerdungsprozess, der sich in der Wissenschaft ausbreitet. Aber das braucht Zeit. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 4. 2004)

ZUR PERSON:
Michael Hubenstorf (50) ist Vorstand des Wiener Instituts für Geschichte der Medizin.
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