Nachlese: Die verlorene Ehre der Elisabeth Pittermann

29. April 2004, 15:33
8 Postings

Aufregung um einen Todesfall im Wiener AKH in der ominösen "Vierten Schicht" - die "Blutwäsche zur Geisterstunde" - ein Kommentar der anderen

Aufregung um einen Dialyse-Todesfall im Wiener AKH. Ein Spezialist, der seit langem die "Blutwäsche zur Geisterstunde" kritisiert, sieht seine Befürchtungen dadurch bestätigt.

***

Am 22. Jänner starb im AKH, auf der Chronischen Hämodialyse 1, eine schwer kranke 72-jährige Frau an der Blutwäsche, an der Hämodialyse. "Mors in tabula", so die Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann vor einigen Tagen im Gesundheitsausschuss des Gemeinderates, "Tod auf dem Tisch". Frau Pittermann irrt nicht nur im Fach!

Einen "Behandlungsfehler" bestätigte der Klinikchef Walter Hörl in der TV-Sendung "Report". Die Patientin starb an der oder nach der Dialyse an einer Kalziumvergiftung. Eine Infusionslösung wurde verwechselt oder vertauscht. Krämpfe, Koma, Herzstillstand waren die Folge.

Der Staatsanwalt wurde eingeschaltet, eine "Sachverhaltsdarstellung" eingebracht. Der Verdacht lautet auf "Beitragstäterschaft bei einem Fahrlässigkeitsdelikt". "Sorgfaltswidriges Handeln, Organisationsversagen" wird Frau Pittermann und ihren Direktoren von KAV (Krankenanstaltenverbund) und AKH vorgeworfen.

Die Patientin verstarb um 23 Uhr. Handelte es sich um die ominöse "Vierte Schicht"?

200.000 Dialysen

Ich bin seit 20 Jahren Internist und Nierenspezialist in Wien. In den vergangenen zehn Jahren habe ich im Wilhelminenspital die größte Dialysestation der Stadt aufgebaut und betrieben. Ich verantwortete dort weit mehr als 200.000 Dialysen. Man darf mir glauben, dass ich die Versorgungssituation nierenkranker Patienten in Wien bis in den letzten Winkel kenne.

Verhältnisse seit Jahren desaströs

Die Verhältnisse auf den Dialysestationen sind seit Jahren desaströs. Eine Epidemie hochbetagter zuckerkranker herz-, gefäß- und nierenkranker Patienten mit explodierenden Behandlungszahlen an der Dialyse wurde ignoriert. Weil Ressourcen nicht genützt, Maßnahmen nicht rechtzeitig getroffen wurden, leistet sich Wien seit Jahren Behandlungsbedingungen für urämische Patienten an der Dialyse, die in jeder anderen Stadt des Landes, in jedem anderen Land Europas als Kunstfehler gelten müssen.

Nach Mitternacht an die Blutwäsche

Schwer kranke, durch ihre Krankheit wie deren Behandlung gefährdete Patienten werden routinemäßig nach Mitternacht an die Blutwäsche genommen; Intensiv-und Dialysestationen wegen des Patientenansturms zu Verschubbahnhöfen umfunktioniert: Niemand darf sich wundern, wenn dabei jemand überfahren wird. Vierte Schicht, Blutwäsche zur Geisterstunde: Die Verhältnisse auf den Wiener Nierenstationen sind der Lainzer Pflegeskandal auf spitzenmedizinischem Niveau.

Patienten mit drohender Harnvergiftung müssen behandelt werden, sonst sterben sie an Urämie. Das wissen auch die Gesundheitsbürokraten, und zwingen in diesem Dilemma aus lebensnotwendiger Behandlung und fehlenden Ressourcen Pflegern, Ärzten und Patienten unzumutbare Bedingungen auf.

Kann bitte jemand Herrn Professor Druml, Leiter der Akutdialyse im AKH, einmal fragen, wie es seit Jahren auf einer Station zugeht, die sich der neuen, alten, akuten oder chronischen, zur Dialyse vorbereiteten oder über die Notaufnahme hereingeschneiten Patienten kaum erwehren kann? Oder Frau Dr. Barnas, Oberärztin im SMZ Ost, die sich vergeblich wehrte gegen die Vierte Schicht, die sie keinem Patienten zumuten wollte; seit August 2003 muss im SMZ Ost ein Dialysebetrieb in der Vierten Schicht durchgeführt werden, "neue Patienten werden generell in die Vierte Schicht aufgenommen".

Himmelschreiend

Die Blutwäsche ist komplex, sie verlangt Gelassenheit und Kontrolle. Dialyse ist Schwestern- oder Pflegerarbeit: Die Ärzte unter- oder besuchen nur kurz, visitieren, ordnen an und gehen bald wieder. Den Patienten und die Maschine für die Dialyse vorzubereiten und zu betreuen, das machen Schwestern. Dialyseschwestern sind vorbildlich in Umsicht und Aufmerksamkeit. Deshalb ist es himmelschreiend, den "Behandlungsfehler" im AKH mit Todesfolge einer Schwester anzuhängen.

Die Verantwortlichen wussten Bescheid, seit Jahren. Ihre Handlungsunfähigkeit ist niederschmetternd wie der Aktenlauf, die Notmaßnahmen, die Flucht aus der Verantwortung. Im AKH werden jährlich ca. vierzig wissenschaftliche Publikationen zum Thema Dialyse abgefasst. Keine davon beschäftigte sich nur mit Patienten in einer bestimmten Schicht. Blinde Wissenschaft oder schamloses Wegschauenwollen?

Zwei Minuten "Aus der Welt der Wissenschaft"

Professor Walter Hörl, Klinikchef im AKH, ein scheuer Wissenschafter, sah sich gezwungen, zum Thema Vierte Schicht und den Missständen auf den Dialysestationen im Oktober 2003 eine Pressekonferenz zu geben. Reaktionen? Zwei Minuten "Aus der Welt der Wissenschaft".

Der Präsident der Österreichischen Nierenspezialisten, Herwig Holzer, schrieb im November 2002 an den Generaldirektor des KAV, Ludwig Kaspar, von einer "hochakuten, langjährigen Mangelsituation" in Wien und ersuchte "dringlich, diesen Missstand durch Schaffung einer adäquaten Infrastruktur ehebaldigst abzuschaffen!". Damals fehlten in Wien bereits 35 Behandlungsplätze. "Die seit einem Jahr etablierte vierte chronische Hämodialyse-Schicht muss wieder abgeschafft werden", hieß es am 23. Oktober 2001 schriftlich aus dem AKH. Herr Generaldirektor Krepler hat abgezeichnet. Getan hat er nichts.

Sittenbild & Todesfolge

Der Wiener Spitäler-Pflegeheimchef Kaspar weist plötzlich zurück, dass die Kranken in der Vierten Schicht potenziell gefährdet seien, "sie sei lediglich weniger angenehm für die Patienten". Im Übrigen sei er "für die Kapazitäten in Wien nicht verantwortlich, sondern für die ordnungsgemäße Ausführung der Dialyse". Die Wiener Spitzennephrologen dürfen sich nun fragen, warum sie sich mit ihm in den vergangenen zehn Jahren regelmäßig zu Krisensitzungen trafen, zuletzt vor zwei Wochen. Er war offensichtlich die falsche Adresse. Feigheit, Ohnmacht oder beides?

Hauptschuld an diesem Sittenbild mit Todesfolge trägt aber die Gesundheitsstadträtin. Ich und andere haben sie wiederholt auf die Versorgungskrise hingewiesen: "Von einem Notstand im Bereich der Dialysesituation kann man nicht sprechen . . ." (Elisabeth Pittermann im Gemeinderat am 4. November 2003). Am 4. März 2002 schrieb ich ihr: "In Wien besteht noch immer ein Versorgungsmangel für Nierenpatienten!"

Vierte Schicht

Als der Todesfall im AKH aufflog, wies sie gewohnheitsmäßig die Vorwürfe zurück und behauptete, "sie wäre immer gegen eine Vierte Schicht aufgetreten". "Die Einführung der Vierten Schicht im Wilhelminenspital ist ein Auftrag von Stadträtin Pittermann, der im Beisein von Primarius Kaspar erteilt wurde", heißt es im Protokoll der 7. Sitzung der Kollegialen Führung des WSP vom 1. März 2004.

Am 24. 3. wird sie auf Vorhaltungen der Grünen Sigrid Pilz zur Vierten Schicht im Gesundheitsausschuss schnippisch sagen: "Auch Stewardessen und Piloten arbeiten in der Nacht . . .". Verwechselt die Internistin Hämodialysepatienten mit Flugpassagieren?

Vorschläge sind das Papier nicht wert

Frau Pittermanns Vorschläge zur Behebung der Misere sind das Papier nicht wert, auf dem sie erlassen wurden: Die Beschäftigung arbeitsloser Medizin-Promoventen im hoch qualifizierten Dialyse-Pflegedienst (Ausbildungszeit: vier Jahre) unterläuft die Österreichische Pflegeordnung; die hastige Aufstellung eines Dialysecontainers im Ottakringer Wilhelminenspital reduziert die Wiener Versorgung endgültig auf das Niveau eines Katastrophengebietes.

Mitschuld der Ärzte

Symptome einer überforderten Stadträtin und verantwortungslosen Verwaltung?

Wer die Sorge um würdige Behandlung seiner Patienten nicht als unentbehrlich sieht, sich der Unersetzbarkeit praktischer Vernunft entzieht, der zerstört weit mehr als nur das Klima einer Behandlung. Deshalb tragen Ärzte, vor allem in den Spitzenfunktionen, eine schwere Mitschuld: Von Verteilungskämpfen und Postenschacher gegeneinander aufgehetzt, verführt von Günstlingswirtschaft, die unter Pittermann ungeahnte Blüten trieb, korrumpiert von Privilegien, entmutigt von Hierarchien, vermögen sich Primarii und habilitierte Herren den Zumutungen der Administration nicht zu widersetzen.

Ein weiterer Aspekt: Dem Wiener Gesundheitswesen fehlt neben Geld und Personal auch Demokratie und Transparenz. Wenn auf einem "Nebenschauplatz" der Versorgung, wie ihn die Dialyse darstellt, eine evidente Versorgungskrise mit Halbwahrheiten schöngeredet wird, der Mangel ungeniert den Patienten schädigt, wie viel Anstand oder Aufrichtigkeit ist dann für die großen Themen der Bioethik, der Gentherapie oder Stammzellenforschung zu erwarten?

Auf der Dialyse geht das Licht nicht aus. Wiener Gesundheitspolitik: Gute Nacht! (Thomas Meisl*, DER STANDARD Printausgabe 3.4 2004)

*Thomas Meisl

Der Autor ist Internist in Wien; er gründete im Wilhelminen- spital die Fachabteilung für Nephrologie, die er bis Dezem- ber 2002 ärztlich leitete.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Am 24. 3. erklärte Pittermann auf Vorhaltungen der Grünen Sigrid Pilz zur Vierten Schicht im Gesundheitsausschuss: "Auch Stewardessen und Piloten arbeiten in der Nacht . . .".

Share if you care.