Das Monument des Fliesenhändlers

9. April 2004, 13:25
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Nachtrag zum Architekturführer Graz: Ein Schauhaus von Leeb Condak

Fliesen sind bei Architekten nicht sonderlich beliebt. In Badezimmern und Küchen meist unverzichtbar, stehen sie als "bekleidende" Materialien aber unter starkem Behübschungsverdacht. Die Ideologie der Moderne hat alles verachtet, was an der Oberfläche haftet. Rein und nackt sei der Bau, seit gut einem Jahrzehnt sogar mehr denn je. Obwohl die große Säuberungsaktion weit zurückliegt, ist der Bannstrahl noch immer wirksam. Nur die Tapeten hat er noch schlimmer erwischt. Einst sogar eines der wenigen marktfähigen Produkte des Bauhauses, nimmt heute kein Architekt mehr die kiloschweren Musterbücher zur Hand.

Die clevere Industrie hat das brachliegende Feld zum Blühen gebracht und bietet Fliesen, Tapeten, Vorhänge und Bodenbeläge in ebenso vielen wie schaurigen Variationen. Paradoxerweise sind aber die Baumärkte, in denen all dies den gestaltungshungrigen Kunden erwartet, zunehmend sorgfältiger gestaltet. So sehr die Designoffensive von Baumax & Co zu begrüßen ist, die manche Blechkiste an der Peripherie in eine Perle der Baukultur verwandelt hat, so bizarr zeigt sich dort der Kontrast zwischen Produkten und Gebäude. Gartenzwerge und Jägerzäune vor Edelstahlfassaden.

Bei dem Ausstellungshaus der Firma Leeb in der Grazer Buchstraße waren die Architekten Peter Leeb und Christina Condak sich nicht zu fein, die Grenze zu überschreiten, den Graben zu füllen und die im Innern präsentierten Fliesen zum Thema des Entwurfs zu machen. Nicht ironisch oder zynisch - was Architekten mit der Postmoderne anzufangen wussten, ist zum Glück vorbei - und auch nicht anbiedernd.

Peter Leeb ist mit dem Fliesenverkauf seiner Eltern aufgewachsen. Er hat schon als Jugendlicher mitgeholfen, die Kojen mit Musterbädern einzurichten, von denen die meisten knallhart am Massengeschmack orientiert sind. Die Grazer Filiale ist bereits die dritte von ihm gestaltete, aber die biografische Verbundenheit vermag noch nicht zu erklären, wieso er zusammen mit seiner Frau in Graz ein Fliesenhaus entworfen hat, das in der österreichischen Gegenwartsarchitektur seinesgleichen sucht. Hier wird einmal nicht die fröhliche Platte mit den größten Hits irgendwie gewagter Konstruktionen und "schräger" Räume ("Grazer Schule") oder der sauerstoffbeatmeten Neomoderne (der ganze Rest) gedudelt. Vielleicht war dies der Grund, warum dem Bau die Aufnahme in den neuen Grazer Architekturführer verwehrt wurde.

Die Wellenfassade mit den roten Glasmosaiksteinen erinnert auf Fotos an ein Parkhaus, nur ist das Gebäude in natura dafür viel zu klein. Die Fensterschlitze orientieren sich nicht an der Geschoß-, sondern an der Augenhöhe auf dem Eingangsniveau. Aber niemand wird aus dem Bau herausschauen, werden die Blicke doch durch verspringende Ebenen im Innern in den Raum hineingezogen.

Dem Haus die wenig originelle Dialektik von äußerem Schweigen und innerer Raumfülle zu bescheinigen würde zu kurz greifen. Auch außen schwingt die Konstruktion. Die kleinteiligen Fliesen sind ein ideales Material, um gekurvte Flächen damit zu bekleiden. Man könnte, dies wird in einigen der Musterkojen auch demonstriert, die Wände des heimischen Badezimmers mit Fliesen zum Fließen bringen.

Für rustikalere Bedürfnisse gibt der Bau ebenfalls ein Beispiel: Der zentrale Aufzugsturm erhielt ebenso wie die gesamte Tragstruktur aus Sichtbeton an der Seite einen Belag mit umgedreht verlegten Kacheln, deren geriffelte Unterseite nach oben weist.

Aber der "schlechte Geschmack" kommt auch zu seinem Recht. Die Proben der Fliesenhersteller sind unübersehbar, die zu zeigen ja der Zweck des Gebäudes ist. Nur kennt das Haus keine Berührungsängste. Aus der so wenig geschätzten Welt der "Wohnkultur" nimmt es auf, was sich verwenden lässt, und das ist bei näherem Hinsehen gar nicht so wenig. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.4.2004)

Von
Oliver Elser

architektur
@derStandard.at
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