Das Wasser, das zugleich Steinbruch ist

9. April 2004, 12:57
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Autor Robert Schindel im Interview über Vergangenheit und Gegenwart, Politik und Literatur

Der Wiener Schriftsteller Robert Schindel, geboren vor sechzig Jahren als Sohn jüdischer Kommunisten, äußert sich über Vergangenheit und Gegenwart, Politik und Literatur und erzählt von einem jüngsten Familienerlebnis. Ein Interview von Volker Kaukoreit


Kaukoreit: Ein Achtundsechziger wird 60. Was ist denn für Sie aus der damaligen Zeit der Revolte übrig geblieben, im positiven und im negativen Sinn, oder ist gar nichts übrig geblieben?

Schindel: Es ist viel übrig geblieben. Die Achtundsechziger-Zeit hat ja mit beigetragen zu einer Modernisierung Österreichs, und zwar nicht nur auf technischem und ökonomischem, sondern auch auf moralischem Gebiet. Es wurden damals die Wege bereitet für eine Auseinandersetzung mit dem, woher Österreich gekommen ist, also mit den Dreißiger- und Vierzigerjahren.

Diese Auseinandersetzung hat in Österreich zögerlich begonnen, viel langsamer als in Deutschland, aber sie ist immerhin zustande gekommen. Geblieben sind moderne Lebensformen, auch hinsichtlich der Sexualmoral. Negativ war das Entstehen der Drogenszene, und auch, was man heute Terrorismus nennt, hat gewisse Wurzeln in der Achtundsechziger-Bewegung.

Kaukoreit: Was ließe sich dazu in konkretem Bezug auf Ihr eigenes Handeln - als Wortführer der radikalen Wiener Studentenbewegung und späterer Sympathisant des Maoismus - ergänzen?

Schindel: Ich war ja schon früh und in hohem Maße über meine Familie ideologisch infiziert und bin dann sozusagen voll auf die chinesische Kulturrevolution abgefahren, fand es wunderbar, dass das Establishment, auch das KP-Establishment, gestürzt wird. Und wenn - so mein damaliges Empfinden - dazu noch Mao Tse-Tung an der Spitze steht, sei das ein unerhörter Vorgang. Dass das Tausenden, wenn nicht Millionen das Leben gekostet hat, wussten wir damals nicht, und hätten wir es gewusst, hätten wir es nicht geglaubt. So weit ging das mit der Ideologie-Infektion. Die Art und Weise mit Autoritäten umzugehen, mussten wir erst lernen.

Und wenn wir selbst Autoritäten wurden, haben wir das nicht immer richtig gehandhabt. Da sind ja aus den 68er-Reihen richtige Gurus hervorgegangen. Ich habe mich, Gott sei Dank, rechtzeitig zurückgezogen. Mit dem Wissen von heute muss ich vieles anders beurteilen.

Kaukoreit: Auch die damalige linke Kritik an Israel?

Schindel: Diesbezüglich hat sich in der Zwischenzeit viel verändert. Die Kritik an Israel war damals durch eine antikolonialistische Haltung durch die Angst vor einem dritten Weltkrieg motiviert. Wir haben Israel für einen Kettenhund des amerikanischen Imperialismus gehalten und dabei einfach übersehen, dass in diesem Land ganz gewöhnliche Menschen leben und dass Israel auch eine Verlängerung der Geschichte ist, nämlich die Staatsgründung als Folge des Holocaust. Später begann sich zwischen der Linken und vielen linken Juden eine Kluft aufzutun, denn der Antizionismus wurde zunehmend eine Sache der nicht jüdischen Linken. Mehr und mehr stellte sich heraus, dass diese zum Teil bloß in Internationalismus gewickelte Antisemiten sind.

Heute stehe ich dazu, dass man jede Maßnahme der israelischen Regierung jederzeit kritisieren kann - und es gibt ja auch genug Kritiker unter den Juden und innerhalb Israels -, dass man aber das Existenzrecht Israels als jüdischer Staat nicht infrage stellen kann.

Kaukoreit: Um 1968 haben Sie sich bereits als Schriftsteller versucht. Was war das für eine Literatur?

Schindel: Als ich begann, mich ernsthaft literarisch zu betätigen, war das eigentlich eine Mischung von Brecht und Celan, also eine Mischung aus argumentativen, politischen Aspekten und Neologismen, Wortschöpfungen.

Im Kassandra-Roman, der jetzt wieder neu aufgelegt wurde, sieht man gerade an der Sprache, wie sich Brechtscher und Celanscher Duktus abwechseln, ja unter Umständen Konkurrenz machen. Erst im Verlauf der Siebzigerjahre habe ich dann, wie ich hoffe, meinen eigenen Ton gefunden.

Kaukoreit: Damit haben Sie sich aber auch, wenn ich so sagen darf, von der intellektuellen Angestrengtheit der frühen Texte, auch der "Kassandra", gelöst und sich hauptsächlich der Lyrik zugewandt, wobei sich thematische Konstanten bis in den erfolgreichen Roman "Gebürtig" zu Beginn der 1990er-Jahre ziehen. Woran arbeiten Sie gegenwärtig?

Schindel: Am Mittelstück der Trilogie Die Vorläufigen, deren erster Teil Gebürtig ist. Dieses Mittelstück trägt den Titel "Der Kalte" und handelt von einem Menschen, der nicht aus dem Lager herausgekommen ist, das heißt, dass er sehr wohl dort herausgekommen ist, jetzt herumläuft und Vorträge hält über die Lager und die Vergangenheit, aber keine Gefühle mehr empfinden kann.

Das ist ein Roman über Wien, vor allem im Jahr 1986, als es drei Kämpfe gab, Kampf um einen Präsidenten, Kampf um ein Denkmal, Kampf um ein Theater, also ein Roman im Zentrum der Waldheim-Zeit, in der dieser Mensch von seiner Gefühlskälte durch bestimmte Dinge, die vorgehen, erlöst wird. Erste konzeptionelle Überlegungen liegen auch schon zum dritten Teil vor, der nach dem Fall der Mauer spielt, Arbeitstitel: "Ost geht nach West".

Kaukoreit: Und bis in die Gegenwart reichen wird?

Schindel: Nein, bis in die Mitte der 1990er-Jahre. Ich halte es für besser, wenn bestimmte Sachverhalte der Zeitzeugenschaft einige Jahre abliegen, bevor sie literarisch durcharbeitet werden.

Das ist ja längst nicht bei allen Autoren und Autorinnen so. Viele wagen sich durchaus und mit Erfolg in das Hier und Heute. Haben Sie niemals das Gefühl, hinter Ihrer Zeit herzuschreiben und damit auch die Befindlichkeit der jüngeren Menschen auszugrenzen?

Schindel: Nein, Gebürtig etwa handelt von der Zeit um 1982/83 und hat bisher sehr viele junge Leute interessiert, weil das Beschriebene ja auch Auswirkungen auf deren Gegenwart hat. Um mein Hier und Jetzt zu erfassen, halte ich mich lieber an die Lyrik.

Kaukoreit: Stichwort Lyrik: Würden Sie mir zustimmen oder können Sie anhand der Verkaufszahlen Ihrer Gedichtbände bestätigen, dass die Lyrik zu einer immer randständigeren Gattung geworden ist?

Schindel: Leider ja, was vielleicht mit der New Economy zu tun hat. Tatsache ist, dass es sich die Verlage zunehmend weniger leisten wollen, Lyrik herauszugeben, und dass auch die großen Feuilletons sich immer weniger dafür zuständig erklären, Lyrik besprechen zu lassen.

Feuilletonredakteure haben mir gegenüber offen zugegeben, von Lyrik nichts zu verstehen. Das ist hoffentlich keine dauerhafte Tendenz. Ich glaube, dass auch wieder andere Zeiten für das Gedicht anbrechen werden.

Kaukoreit: Sie jedenfalls halten an der Lyrik fest, um sich über das Hier und Jetzt zu äußern. Was prädestiniert gerade die Lyrik dazu?

Schindel: In der Lyrik bin ich - stärker als in der Prosa - ganz in der Sprache. Die Sprache ist dann das Wasser, in dem ich schwimme oder sogar tauche, gleichzeitig ein Steinbruch. Und dieses "Ganz-in-der-Sprache-Sein" mit dem Wissen darum, dass ja alles, was es an Zeitgenossenschaft gibt, auch in die Sprache sickert und sich dort wiederfindet, scheint mir besonders geeignet, die Wirklichkeit, eben als Wirklichkeit der Sprache, zu erkennen.

Ich schaue also nicht in die Wirklichkeit und übersetze sie in Sprache - das wäre nur eine Übersetzung -, sondern ich schaue in die Sprache und erkenne in ihr die Wirklichkeit und Jetztheit. Das macht es so reizvoll, weil da ein jedes Wort mit seinen verschiedenen Bedeutungen ein eigener Kontinent werden kann und Verdichtungen entstehen, in denen ich mich wirklich zu Hause fühle.

Kaukoreit: Stört es Sie eigentlich, dass sich Literaturkritik und -wissenschaft mitunter kaum für solche produktionsästhetischen Fragestellungen interessieren? Oftmals wird nur die jüdische Thematik und die damit verbundene Identitätsproblematik in Ihrem Werk betont. Bekommen Sie damit nicht auch ein Etikett angeheftet, sozusagen als Paradevertreter einer neueren deutschsprachigen, genuin jüdischen Literatur?

Schindel: Niemand wird gern in die Gasse geschickt, auch nicht in die jüdische Gasse, wenn er von sich glaubt, dass er eine deutschsprachige Literatur schreibt und dabei jüdischer Herkunft ist. Meines Erachtens verfasse ich weniger eine jüdische Literatur als eine deutschsprachige Literatur, die sich auch jüdischer Themen annimmt. Aber gegen Etikettierungen kann man ohnehin nichts tun. Von den ganz großen bis mittelmäßigen Schriftstellern hat sich noch nie einer gegen solche und vergleichbare Etikettierungen wehren können, und darum nehme ich das mehr oder weniger gelassen. Andererseits ist es ja nicht schlecht, dass ich als Schriftsteller - ebenso wie andere "übliche Verdächtige" wie Robert Menasse und Doron Rabinovici - auch als Auskunftsperson herangezogen, das heißt von Presseredaktionen um Stellungnahmen zu bestimmten Themen gebeten werde, zuletzt etwa zum schäbigen Verhalten der österreichischen Regierung gegenüber der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

Gelegentlich im Mittelpunkt zu stehen ist der Preis dafür, dass man etwas zu sagen hat. Umgekehrt wäre ich gekränkt, wenn ich überhaupt nicht gefragt würde. Schöner wäre es, wenn es unter den österreichischen Schriftstellern mehr als Doron Rabinovici, Robert Menasse, mich und einige wenige andere gäbe, die sich zu diesen Themen äußerten. Die Palette der Meinungen wäre dadurch größer.

Kaukoreit: Wie werden Sie eigentlich von Ihrer Mutter als Schriftsteller wahrgenommen? Besonders in Ihren Essays kritisieren Sie Ihre familiäre Sozialisation als kommunistische Ideologie-Infiltrierung. Wird darüber noch diskutiert?

Schindel: Meine Mutter ist mittlerweile 91 und eine fröhliche, liebenswürdige, ältere Dame, die sich über die literarische Anerkennung ihres Sohnes freut. Diskutieren, wie sie es früher konnte, kann sie nicht mehr. Vormals haben wir sehr oft, auch mit meinem 1993 gestorbenen Onkel, über Literatur im Allgemeinen und die Relevanz von Familiengeschichte und Literatur im Besonderen gesprochen, natürlich auch kontrovers debattiert.

Was meine Familiengeschichte angeht, so liegt mir an dieser Stelle aber etwas anderes am Herzen, von dem ich berichten möchte, weil ich es erst vor noch gar nicht so langer Zeit erfahren habe: Im Archiv des Jüdischen Museums hat eine Mitarbeiterin über meinen familiären Hintergrund geforscht und eine Unmenge von Details über die Eltern meines Vaters in Erfahrung gebracht.

Nun, nachdem ich immer davon ausgehen musste, dass von unserer Familie nur meine Mutter, mein Onkel und ich überlebt haben, kommt da plötzlich eine E-Mail, in der die Archivarin mir mitteilt, dass eine Nichte meines Vaters namens Karin im sechsten Wiener Bezirk lebt. Seitdem ich diese Cousine kennen gelernt habe, sehen wir uns öfter und gehen auch schon mal gemeinsam in die Oper. Von einem Schriftsteller Robert Schindel hatte sie übrigens vorher schon gehört, aber nie vermutet, dass er mit ihr verwandt sein könnte. Sie hat auch noch eine Enkelin namens Anja, sodass die Familiengeschichte weitergeht. Das rührt mich zutiefst. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

Volker Kaukoreit ist stellvertretender Leiter des
Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen
Nationalbibliothek.

Zur Person

Robert Schindel

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