Henrik Hieronimus: Demonteds, Demented are go

2. April 2004, 22:51
2 Postings

Rock me! Einer von drei jungen Autoren über das, was fährt und die Schwierigkeit, es in Worte zu fassen

Auf dem Parkplatz vor dem abgewrackten Konzertschuppen küssten sich Stoßstangen längst vergessener Oldtimer. Menschenhaufen mit Schmalztollen, Glatzen und bunten, scharf geschnittenen Haaren grölten Lieder, die aus ihren Karren dröhnten. Hier und da knisterten Lagerfeuer, über denen Würste und Koteletts grillten. Ein warmer Sommerabend, irgendwann, 1999.

Wir saßen auf einer Bank und tranken Bier, der Kopf war befreit von Alltag und Sorgen, welche uns nach dem Wochenende wieder erwarten würden. Es zählte nichts, außer dieser Abend, die Nacht mit ihrer Party. Aus dem Schuppen klangen erste Kontrabassschläge, wild und ungezügelt, so wie wir. Langsam, aber sicher verlagerte sich der Mob Richtung Kasse, wo volltätowierte Türsteher Körper nach Waffen und Flaschen abtasteten. Der Laden füllte sich. Die Bar grenzte an die Bühne. Alles drängte, Schulter an Schulter, wankte auf den Beinen, gehalten von der Masse, zwischen Tresen und Klosett, wo sich die Mädchen schminkten, eine Nase zogen, oder Pärchen, mit dem Rücken zur Wand, fummelten.

"Wer spielt gerade?", fragte mich jemand.

"Keine Ahnung, Kumpel."

"Willst'n Bier?"

"Gerne."

Er hielt vier Becher in der Hand, die Hälfte schwappte über seine Kleidung, ich nahm ihm eins ab. Dann zog er von dannen. Nach einer Weile fand sich die Crew ein. Gut zwanzig Mann. Trinkfreudige Rabauken, die ich auf unzähligen Gigs kennen gelernt hatte. Sie spendierten Bier, erzählten Anekdoten, rauchten Zigarette und bildeten einen Block, in den niemand anders hineinkam.

Dann endlich erschienen sie. Hinter Nebelschwaden röhrte Mark Phillips' Organ: Demented are go spielte zum Tanz auf. Klotz, ein mittelgroßes Kraftpaket, kippte sein Bier in einem Zug runter, schmiss den Becher über die Köpfe weg und stand händereibend da.

"Okay, wer kommt mit nach vorne?"

Wortlos folgte ihm ein halbes Dutzend. Sie zogen ihre Hemden aus, machten den Weg frei und schon ging's los. Wreckin'. Arme, Beine und Schädel prallten aufeinander. Schweiß tropfte von der Decke. Phillips verdrehte die Augen tief in den Kopf, sodass nur noch das Weiße zu sehen war; dann rutschte kunstblutdurchtränktes Latex seine Visage hinab, über die nackte Brust, auf den schwarzen Frack, und dann kündigte er das nächste Lied an.

He Got A Sheath Made Of Plastic

Grabs It Over His Head Forty Gallons Of Petrol

Gonna Burn You All Dead

A Forty-Five Strapped To His Side

A Machete In His Hand

What's The Name What's The Game

Holy Hack Jack's The Man

Sie spielten alle ihre Hits. Coverstücke von Gene Vincent und Jerry Lee Lewis. Das Publikum geriet außer Rand und Band. Nichts schien mehr sicher. Bier spritzte. Nasen bluteten. Wie Hyänen auf der Jagd zerlegten sie den Laden. Ringsherum Mädchen, schöne, kranke, ausgeflippte Dinger mit irren Frisuren und aufreizenden Kleidern, die sich am Bild der männlichen Verwüstung ergötzten.

Nach diesem Auftritt verlagerte sich die Feier zurück auf den Parkplatz. Unsere Gruppe sortierte sich um einen azurblauen Impala, auf dessen Rückbank ein altgediegener Rockabilly die Bluse einer Braut abnagte und völlig erschöpft an ihrem Busen einschlief, während wir die restlichen Geister in den Morgen vertrieben. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

  • 
Von Henrik Hieronimus erschien
2003 „Morgens an irgendeinem
Tag“. Der Autor lebt in Borken.
    grafik: der standard

    Von Henrik Hieronimus erschien 2003 „Morgens an irgendeinem Tag“. Der Autor lebt in Borken.

Share if you care.