Xaver Bayer:
Everbody's Got Something To Hide Except For Me And My Monkey, Beatles

2. April 2004, 22:57
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Rock me! Einer von drei jungen Autoren über das, was fährt und die Schwierigkeit, es in Worte zu fassen

Dasitzend und mir Gedanken und Notizen machend, was für mich "der Rocksong meiner Generation" sein könnte, während der Regenhimmel über Rom fast bis zu den Häuserdächern hinunter gerutscht zu sein scheint und ich mir das Blau darüber fast nicht mehr vorstellen kann, beschließe ich, nicht über die Unmöglichkeit zu schreiben, mich bei der Beantwortung dieser Frage auf einen Song zu beschränken, und auch nicht darüber, dass ich im Grunde überhaupt nicht weiß, was "meine Generation" heißen soll, sondern nur festzuhalten, in welchen Augenblicken und bei welchen Liedern ich im letzten Monat das Gefühl hatte, es mit gutem, echtem Rock zu tun zu haben:

Das eine Mal, als ich auf der Straße an einem Second-Hand-Laden vorüberging, und aus dem Inneren sehr laut Everbody's Got Something To Hide Except For Me And My Monkey zu hören war: "The deeper you go, the higher you fly, the higher you fly, the deeper you go, so come on." Das zweite Mal beim Hören von Seven Nation Army von den White Stripes: "All the words are gonna bleed from me and I will think no more", alleine im Zimmer sitzend und sofort lauter drehend, denn wenn es rockt, müssen auch die Nachbarn und die Passanten draußen vor dem Fenster davon in Kenntnis gesetzt werden. Ein andermal, wieder zu Hause, und im CD-Spieler das Live-Album "Thin Lizzy - Live and Dangerous", und als Phil Lynott, Sohn eines brasilianischen Vaters und einer irischen Mutter, zwischen zwei Songs die berühmten Worte spricht, mit denen er jeder Bigotterie und Prüderie frech vor die Füße rotzt: "Are there any girls who like a little more Irish in them?", denke ich mir: "Ja, das ist Rock." An einem anderen Tag, abends in einem kleinen Kino in der Nähe des Trevi-Brunnens den Film Milano Calibro 9 von Fernando di Leo ansehend, bei der Anfangsszene, die mit der Filmmusik von Luis Bacalovs Gruppe Osanna unterlegt ist, peitschender Siebziger-Jahre-Rock, dazu Bilder vom morgendlichen Bahnhof in Mailand. Und schließlich bei dem Lied, das fast täglich aus einem anderen Teil der Wohnung klang: Hey ya von Outcast: "Shake it like a polaroid picture. Yeah." Das ist es.

Um aber zu erfahren, was Rock für jemanden bedeutet, der diesen nicht nur konsumiert, sondern auch produziert, sende ich noch eine Kurznachricht an einen Freund, der es als Mitglied einer bekannten Wiener Rockband wissen muss, und erhalte wenig später die Antwort: Für mich bedeutet Rock die Möglichkeit zu haben, als Puderkopf absurder Weise doch für die Gesellschaft eine Relevanz zu haben, obwohl es mir egal ist. Schwierig in Worte zu fassen. That's it. One, two, three, four! (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

Von Xaver Bayer erschien 2003 der Roman "Alaskastraße". Der Autor lebt in Wien.

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Von Xaver Bayer erschien 2003 der
Roman „Alaskastraße“. Der Autor lebt in Wien
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    Von Xaver Bayer erschien 2003 der Roman „Alaskastraße“. Der Autor lebt in Wien

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