Ernst Molden:
Ganz Wien, Falco

2. April 2004, 22:56
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Rock me! Einer von drei jungen Autoren über das, was fährt und die Schwierigkeit, es in Worte zu fassen

Die Wiener Privatschule, in der ich die Unterstufe verbrachte, sandte Absolventen von so unterschiedlicher Bedeutung wie Johann Nestroy und Wolfgang Schüssel in die Welt. Im Schuljahr 1980 / 81 bot das (bis heute katholischen Trägern des Y-Chromosoms vorbehaltene) Institut zwei Möglichkeiten, Zugehörigkeit zur Gegenkultur zu zeigen: Erstens konnte man den violetten Schal der Friedensbewegung oder ein Palästinensertuch zum Hubertusmantel tragen (dann sagte einem der Pater Direktor folgenden unpackbaren Satz: "Frieden, mein Bester, ist das schönste auf der Welt, Pazifismus ist Dummheit!"). Zweitens klemmte man sich am Weg in die Schule eine LP unter den Arm, die man irgendwie der Gegenkultur zurechnete. Ausgerechnet in jener Woche, in der ich dies mit Ludwig Hirschs "Dunkelgrauen Liedern" (bis heute für mich das schönste Songwriter-Album Österreichs) tat, übertraf mich mein cooler Freund Niklas um Längen, und zwar mit dem Debüt der Wiener Heavy-Peformance-Zirkus-Rocker Drahdiwaberl. Selbiges, "Psychoterror", enthielt
Perlen wie den epischen Titeltrack, das für einen schweinigelnden Unterstufler herrlich obszöne "Machoman" und mit "Ausgeflippte Lodenfreaks" eine Beschreibung meiner Schule.

Vor allem aber enthielt es jenes Lied, das mir schlagartig den Blick auf drei Dinge öffnete: aufs Zugedröhnt-Sein, auf gleichzeitige Lässigkeit und auf die wahren Stärken von Wien. Dieses Lied mit dem einzigmöglichen Titel "Ganz Wien" war das Aus-der-Reihe-Treten des Drahdiwaberl-Bassisten Falco (und seine Komposition), es handelte von Drogen ("seine Venen san offn, und es riacht noch Formalin"), von den Zeitläufen ("da Bruno längst am sichern Land, und da Hannes aa") und von Lokalpatriotismus ("des ollas mocht eam kaan Kummer, wäu er is in Wien").

Vor allem aber bewies die Band im Allgemeinen und diese hochkonzentrierte, sich nur für ein Gitarrensolo orgiastisch öffnende Nummer und ihr Interpret im Besonderen, dass Stil nie eine Frage des Umfeldes, sondern stets eine des eigenen Stilwillens ist. Falco trat nie wieder in die Reihe zurück. Ein Vierteljahr später brachte er, mittlerweile Glitzerstreifenanzug tragend, "Ganz Wien" auf Englisch heraus ("That Scene") und scheiterte damit. Nochmal ein halbes Jahr später folgte "Der Kommissar", und Falco brach durch. Auf der LP "Einzelhaft" war "Ganz Wien" nochmal drauf, sozusagen ostentativ dem Hölzlschen Gesamtwerk eingemeindet, mit halber Berechtigung wie ich finde, denn obgleich Falcos Song, bleibt sie auch Drahdiwaberl-Nummer. Falcos weiterer Weg ist Ösi-Mythos und gehört mittlerweile der Krone und Rossacher & Dolezal. "Ganz Wien" gehört noch immer mir. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

  • Von Ernst Molden erschien zuletzt
der Roman „Doktor Paranoiski“
und die CD „Nimm mich Schwester“
(Hoanzl). Der Autor lebt in
Wien.
    grafik: der standard

    Von Ernst Molden erschien zuletzt der Roman „Doktor Paranoiski“ und die CD „Nimm mich Schwester“ (Hoanzl). Der Autor lebt in Wien.

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