Ein Toter führt uns an

2. April 2004, 20:56
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Am 5. April 1994 erschoss sich im Alter von nur 27 Jahren zu Hause in Seattle Kurt Cobain

Da können sich die Geschäftemacher des Showbusiness noch so sehr ins Zeug legen und uns ominöse "The"-Bands wie The Strokes, The White Stripes oder The Libertines als verheißungsvolle Zukunft des Rock-Gewerbes verkaufen wollen. Seit zehn Jahren gilt im Rock'n'Roll in Ermangelung nachfolgender Leitfiguren das Motto: Ein Toter führt uns an!

Am 5. April 1994 erschoss sich im Alter von nur 27 Jahren zu Hause in Seattle Kurt Cobain. Heroinsüchtig und depressiv machte er seinem Leben mit einer Schrotflinte ein Ende. Spätestens ab diesem Zeitpunkt begann der Kopf von Nirvana nicht nur endgültig zur ikonografischen Leitfigur des Grunge-Rock verklärt zu werden. Die Heiligsprechung dieses jungen, verzweifelten Mannes, gesegnet mit einem enormen musikalischen Talent, aber mit nur wenig Begabung fürs Alltägliche, reihte ihn auch sehr schnell in die Galerie jener, deren Kunst frühzeitig von den kalten, harten Fakten des Lebens beendet worden war: Brian Jones, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison. Sie wurden herbeizitiert, um den nachfolgenden Generationen eine schwere Bürde aufzuerlegen: Weil alles schon einmal besser da gewesen ist, geht ab sofort gar nichts mehr.

Cobain lebte ohnehin stets unter schlechten Vorzeichen und mit noch böseren Vorahnungen. Nach einer schweren Jugend als Scheidungskind, das bei Verwandten aufgewachsen war und dem man als hyperaktivem Jungen schon mit Ritalin und Sedativen beikommen wollte und so eine Spur in die spätere Depression und Drogenabhängigkeit legte, begann es Mitte / Ende der 80er Jahre von Seattle aus ordentlich zu rumoren. 1967 als Kind der optimistischen Sixties geboren, wurde Cobain und seinen Altersgenossen, dieser spätestens 1991 mit Douglas Couplands Roman Generation X betitelten Altersgruppe, von den Altvorderen sehr schnell klar gemacht, dass die immer währende Revolution der 68er von der definitorischen Macht her nur wenig Luft ließ und lassen wollte, um selbst Neues ausprobieren zu können. Beruflich war die Zukunft ordentlich verbaut mit Vätern, die ihre Sessel in den Führungspositionen nicht räumen wollten.

Das führte auch, parallel zum Niedergang der Wirtschaft, zum Aufkommen der so genannten McJobs und bis heute anhaltender Selbstausbeutung gerade im kulturellen und künstlerischen Bereich. Andererseits zeitigte diese Meinungshoheit gerade auch im Bereich der Subkultur, dass hier nie wieder tatsächlich Originäres geschaffen werden konnte, weil alles schon einmal besser da gewesen war (siehe oben). Vom parallel zu Grunge in am Boden liegenden Metropolen wie Detroit oder Berlin aufkommenden Techno als bestimmender zweiter großer Jugendkultur der 90er-Jahre war damals in der amerikanischen Provinz nicht die Rede. Wo im Techno zumindest anfangs die Aufhebung des Individuums und die Atomisierung des Geniegedankens auf der kollektiv sinnesfrohen Tanzfläche propagiert wurde, dominierte bei der Generation X vielleicht ein letztes Mal im großen Stil das gebrochene Individuum und sein Leiden an der Welt.

Der von Bands wie Kurt Cobains Nirvana und von heute beinahe vergessenen Kollegen wie Mudhoney oder Tad mitgetragene Grunge-Rock bedeutete schließlich auch: Angesichts des zuvor schon Ende der 70er-Jahre sehr schnell schief gegangenen Punk-Rock war hier das Ende einer Fahnenstange erreicht. Der Optimismus früherer Rocksongs musste einem tief empfundenen Pessimismus, jeder Menge schlechter Laune, quälender Langeweile und einer generell zynischen Weltsicht weichen. Schlüsselzeilen: "Hey! Wait! I've got a new complaint!" oder: "Here we are now, entertain us, I feel stupid and contagious!" Nicht nur vom zerschlissenen Styling her: ein Leben aus zweiter Hand. Die vor Klischees und Zitaten aus Musik und Fernsehen strotzenden Songs konnten gar nicht anders, als bewusst drittklassig sein.

Kurt Cobains heute oft überschätztes Songwriting, das er im Übrigen selbst immer stark in Zweifel zog, bediente sich bei Mustern der melodie- und harmoniesüchtigen Sixties, und hier vor allem der Beatles, ebenso gallig und verächtlich, wie die dumpfe Aggression von übelstem 70er-Jahre Hard-Rock (von Blue Cheer über Black Sabbath bis zu Kiss) mit dem Stromstoß von Punk und Hardcore kurzgeschlossen wurde (Bad Brains, D.R.I., Black Flag . . .). Dass Cobain dabei auch noch offen die Wegbereiter von Grunge und heutigem Alternative Rock, die heute wiederentdeckten Pixies als Blaupause nahm, die nur wenige Jahre vor Nirvana mit ihrer Musik zu oft identen Ergebnissen gelangten, sei hier gelassen erwähnt. Man höre im Rückblick nur die Pixies-Alben Come On Pilgrim 1987 oder Surfer Rosa 1988. Um im zynischen Setting dieser ganzen Szene zu bleiben: Die Musik von Nirvana kündete von vornherein nicht von Aufbruch, sie gab vom Start weg eine schöne Leich' ab.

1989 ging Bleach, das noch etwas unentschlossene Debüt von Nirvana, auch dementsprechend in der Szene unter. Die Band tourte in dieser Zeit noch weitgehend unbeachtet im Vorprogramm der befreundeten und ungleich heftigeren Seattle-Band Tad durch kleine Clubs in Österreich wie die Linzer Kapu oder das Wiener U4. Hier legte Cobain schon damals einen für alle Beteiligten mühsamen Drang zur (Selbst-)Zerstörung an den Tag. Er zertrümmerte täglich seine Gitarre, sprang am Ende der Auftritte ins Schlagzeug - und er gab missmutige, aber unterhaltsame Interviews. Cobain 1989 in einem Interview mit dem Verfasser für das Wiener Fanzine Der Gürtel: "Fuck it, was ich zu sagen habe, interessiert doch keine Sau. Wir sind eine kleine, unbedeutende Band aus Seattle, die kleine, unbedeutende Songs spielt. Lass uns nicht näher auf die Einzelheiten eingehen. Nirvana bedeutet: Zieh deine Schuhe aus und rauche Hasch!"

Der Wahnsinn hin zum Ende begann dann Mitte September 1991 über Cobain und Nirvana hereinzubrechen. Nevermind, das zweite Album, präsentierte die Band nicht nur auf der Höhe ihrer Kunst. Das Album mit seinem Welthit Smells Like Teen Spirit verdrängte Anfang 1992 auch Michael Jacksons Dangerous vom ersten Platz der US-Hitparade. Cobain, der sich auf eine beschauliche Karriere in kleineren Clubs eingestellt hatte, begann der Medienrummel und sein neu erlangter Status als Superstar, der den Gitarren-Underground als neuen Mainstream in den Charts etabliert hatte, zunehmend über den Kopf zu wachsen. Psychisch ohnehin labil und von ständigen Selbstzweifeln geplagt, heiratete er zwar die bis heute als Skandalnudel wirkende Sängerin Courtney Love, wurde Vater einer Tochter und fand kurz Halt.

Mit dem Erfolgsdruck kamen allerdings auch Heroin und zunehmend verzweifelte Versuche, den Starstatus wieder zu zerstören. Beängstigende Stücke wie I Hate Myself And I Want To Die und schließlich der quälende Album-Brocken In Utero aus dem Herbst 1993, schließlich Gerüchte, dass Cobain Nirvana verlassen und eine neue Band gründen wollte, kulminierten am 5. 4. 1993 im Selbstmord des Sängers. Kolportierte Mordkomplotte inklusive. Kein Artikel, der jetzt erscheint, mag auf diese Frage verzichten: Wo wäre Kurt Cobain heute? Die Antwort ist so einfach wie zynisch: Erst sein Tod machte den kleinen, traurigen, jungen Mann aus Seattle, der so sehr und so sehr auch stellvertretend für uns an der Welt litt, vollends glaubwürdig. Der Tod begründet den Mythos. Und Mythen sind unsterblich. Stellen wir uns diese Frage deshalb besser nicht. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

Von Christian Schachinger
  • Kurt Cobain, Frontman von Nirvana

    Kurt Cobain, Frontman von Nirvana

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