Alles gesagt, alles getan

2. April 2004, 20:10
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Oliver Welter, Frontmann der österreichischen Band Naked Lunch, erinnert sich mit Herzblut und Gänsehaut an Kurt Cobain und eine Nacht im Herbst ...

Oliver Welter, Frontmann der österreichischen Band Naked Lunch, erinnert sich mit Herzblut und Gänsehaut an Kurt Cobain und eine Nacht im Herbst 1991, in der er zum ersten mal Nevermind von Nirvana hörte.


Es gibt Lieder, die in alle Ewigkeit mit einem persönlichen Erlebnis verbunden sind. Man erinnert sich bei jedem Mal Hören dieser Lieder an Orte, Menschen, Geschehnisse oder Gespräche, die untrennbar mit dem ersten Hörerlebnis einhergehen.
Oft im Guten, oft im Schlechten.
Denn wenn's blöd läuft, assoziiert man - etwa wenn man so wie ich vom Land kommt - den ersten Diskothekenbesuch immer mit einem Lied von Sting, den ersten Zungenkuss mit Foreigner oder das erste Besäufnis mit ZZ Top.
Ein immer wiederkehrender Albtraum.
Ich bin von diesem Übel bislang verschont geblieben.
Im Gegenteil: Voll Stolz erzähle ich jedem, wie es war, mit Otis Reddings Dock of the Bay zum ersten Mal autostoppend ins Ausland zu fahren, mit Cohens Chelsea Hotel die erste gescheiterte Liebelei vergessen zu machen oder mit SMELLS LIKE TEEN SPIRIT, ja genau, eine Nacht verbracht zu haben, die mir vor Glück Herzrasen bescherte und mich den lieben Menschen, der mit mir zum ersten Mal dieses unglaubliche Stück Popmusik hörte, ständig herzen und umarmen ließ.

Denn so groß war unsere Freude in jener Nacht - im Herbst 1991.
Es gäbe schon bald ein neues Album von Nirvana, hieß es, die Nachfolgeplatte ihres meisterlichen Debuts Bleach. Die Platte wäre der Hammer, so hörte man, und hätte sich in den Staaten schon kurz nach Erscheinen mehrere hunderttausende Male verkauft. Nirvana würden alle Rekorde brechen.

All das wussten wir bereits. Nur gehört hatten wir noch keinen einzigen Ton von eben jener neuen Platte der Band aus Seattle. Bis wir uns mühselig eine Vorabkassette von der zuständigen europäischen Firma erschnorrt hatten: Nevermind.

Wir fanden uns ein in der Kneipe, in der wir zu trinken pflegten, bei dem Wirt unseres Vertrauens, legten die Kassette in den Recorder, drehten den Verstärker auf Anschlag.

Eine kleine, angezerrte Gitarre war zu vernehmen, dann ein gewaltiger Schlagzeugauftakt, der den Weg ebnete für die Band, die wuchtig losmarschierte, um dann Platz zu machen für die unglaubliche Stimme von Kurt Cobain, die sich im Refrain turmhoch erhob und alle Zweifel zermalmte, nochmals Strophe, Refrain, ein manisches Gitarrensolo, ein viel zu kurz anmutender Schlussrefrain, ein repetitives Outro und ein alles klärender Abschlag. Fünf Minuten, eine Sekunde.

Alles getan, alles gesagt.

"Here we are now, entertain us" - natürlich. Die ganze Nacht lang. Zigmal hörten wir das komplette Album, und noch viel öfter die alles niederwalzende Eröffnungsnummer Smells like teen spirit.

Mit wohliger Gänsehaut am ganzen Körper, tanzend, stampfend, die schwer verständlichen Texte im Fantasy-Englisch mitgrölend, vor Freude weinend wurden wir zwar nicht Teil einer Jugend-, zumindest aber Teil irgendeiner Bewegung. So viel war uns sofort bewusst.
Es war bereits hell, als wir wie betäubt die Kneipe verließen, nur um sofort nach Hause zu gehen und abermals die zehn Lieder zu hören.

Ich werde hie und da einmal gebeten, als DJ zu arbeiten. Natürlich spiele ich Rock und Pop. Am liebsten fange ich den Abend mit Smells like teen spirit an. Ist zwar weder neu noch originell, und allerorten werde ich für diese "Entgleisung" beschimpft. Das ist mir aber komplett egal, denn, und das muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Dieses Lied stimmt einfach. Smells like Liebe. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 3./4.4.2004

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