Erinnerung an das zwanzigste Jahrhundert

6. April 2004, 21:28
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RSO im Musikverein mit Schlee und Mahler

Wien - Sein Vater Alfred Schlee war jahrzehntelang Vorstand der renommierten Universal Edition - sie residiert im Halbstock des Musikvereinsgebäudes. Eine Etage darüber erklang nun die 1. Symphonie von Filius Thomas Daniel zum ersten Mal in österreichischen Landen. Schlee, Jahrgang 1957, hat bei Olivier Messiaen und Jean Langlais in Paris und bei Francis Burt in Wien Komposition studiert. Nach Stationen in Linz, Berlin und Bonn ist er seit diesem Jahr Intendant des Carinthischen Sommers.

Eine Art Erinnerungssymphonie für das 20. Jahrhundert wollte Schlee mit seinem 2001 in Göttingen uraufgeführten Opus schaffen; der erste Satz, mutig altbacken-theatralisch mit "Oh Welt, wo meine Toten aufersteh'n" betitelt, prunkt denn auch mit ex- wie impressionistischem Klangreichtum. Wenngleich sich das komplexe orchestrale Geschehen oft als ideenübersättigt erweist: Vielstimmige Streicherelegien werden konterkariert von kurzen Blechbläserblökakkorden, das Schlagwerk garniert die Chose mit feinem Glockenklang, hartem Holzstäbchen-Spechtgetocke u.v.m. Hier wäre weniger oft mehr gewesen.

Bei Mahlers "Lied von der Erde" bewies Chefdirigent Bertrand de Billy dann eindrucksvoll, wie gut er sein Orchester in der Hand hat: Das RSO Wien agierte äußerst kompakt, präzise und hochaufmerksam. Der eher sportlich-freundliche, diesseitige, stets kontrollierende Zugriff de Billys passte vor allem beim dritten und vierten Lied vorzüglich, auch gelangen dem Franzosen bezaubernde Momente tänzerischer Leichtigkeit.

Insgesamt sehnte man sich aber etwas nach den Extremen: nach mehr Filigranität und Geheimnis, aber auch nach Trunkenheit, Exzess und fahler Todesverzweiflung. Deborah Polaski, eben noch als Elektra auf der Staatsopernbühne von den ganz großen Schicksalsschlägen gebeutelt, sang souverän-locker, Einspringer Jürgen Müller bot megafonische Dauerlautstärke und sichere Höhen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 3./4.4.2004)

Von
Stefan Ender
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