"Die Palästinenser brauchen uns doch"

4. April 2004, 16:49
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Entwicklungshilfe aus Österreich unter erschwerten Bedingungen

Wien – "Derzeit haben wir mehr mit der humanitären Hilfe für die Palästinenser als mit Entwicklungszusammenarbeit zu tun", erklärt Leonhard Moll. Vor allem Medikamente für die Bevölkerung

werden benötigt, die in Zusammenarbeit mit der Palästinenserbehörde organisiert

werden. Der Tiroler hat sein

Büro in Sichtweite des Mukata-Komplexes in Ramallah, in

dem Palästinenserpräsident

Yassir Arafat sitzt. Von dort

koordiniert Moll die österreichische Entwicklungszusammenarbeit in den palästinensischen Gebieten und verwaltet

ein Budget zwischen 2,5 und

drei Millionen Euro pro Jahr,

Tendenz steigend.

Neben Entwicklungshilfe

hat Moll auch politische Funktionen, wie Berichterstattung

und die "Begleitung des Oslo-Friedensprozesses, von dem

aber nichts mehr übrig ist",

sagt der Koordinator. Auch

der palästinensisch-israelische Dialog soll von Österreich gefördert werden.

Sein Vertretungsbüro, das

es für Israel offiziell nicht gibt,

ist eine Art Vorstufe einer Botschaft, soll Kontakt zur palästinensischen Verwaltungsbehörde halten und agiere

nach EU-Richtlinien, erklärt

Moll dem Standard in Wien.

Falls es jemals zu einem palästinensischen Staat komme,

müsse dieser auch Strukturen

haben, sagt Moll: Beim Aufbau

dieser staatlichen Strukturen

will er beratend mithelfen,

auch wenn seine Arbeit in den

palästinensischen Gebieten

"nicht immer leicht" sei.

Wohl durchdacht

Vor allem die israelische Taktik mit "einem wohl durchdachten System von

Aussperrungen und Einschließungen der Palästinenser" durch die gerade im Bau

befindliche Sperrmauer und die allgegenwärtigen Checkpoints behindere die Entwicklung der Menschen, schwäche

die moderaten Palästinenser

und schade somit Israel selbst.

Die israelische Wunsch nach

Sicherheit stärke in Wahrheit

die Radikalen.

"Ein unabhängiger Palästinenserstaat wäre derzeit allein

schon wirtschaftlich nicht lebensfähig", meint Moll, vielen

Menschen würde durch die israelische Absperrungsstrategie jede Perspektive genommen. Hoffnungslosigkeit, Ungerechtigkeit und Verzweiflung bescheren den palästinensischen Terroristen Zulauf, führt Moll aus. Attentäter kämen nun vermehrt auch aus

dem palästinensischen Mittelstand, erklärt Moll, der in Ostjerusalem mit seiner Familie

lebt.

Viele israelischen Maßnahmen seien reine Schikane und

dienten dazu, die Palästinenser im Kampf um Land und

Wasser zu demoralisieren.

Das "Back-to-Back"-System

beim Waren- und Personentransport in und aus den Gebieten sei so ein Fall: Aus Sicherheitsgründen schüttet die

israelische Armee auf den Zufahrtsstraßen Erdwälle auf,

die ein Passieren der Straße

für Autos und Lkws unmöglich machen. Dort müssen die

Palästinenser ihre Transportgüter von Lkw-Ladefläche zu

Ladefläche ("Back-to-Back")

über den Erdwall unter den

Augen der israelischen Sicherheitskräfte umladen. Dies

werde in einigen Fällen durch

die Israelis erschwert, die nun

zwei Erdwälle in größerem

Abstand aufschütten, was das

Umladen verkompliziere und

die Menschen provoziere.

Unter welchen Umständen

er seine Arbeit als gescheitert

ansehen würde? Moll denkt

nach und schüttelt den Kopf.

"Die Palästinenser brauchen

uns doch", sagt er dann. (DER STANDARD, Printausgabe, 03./04. 04. 2004)

Gerhard Plott
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