Zehn Jahre Genozid in Ruanda: Noch ein weiter Weg zur Versöhnung

5. April 2004, 09:27
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Kirche und Gesellschaft in dem zentralafrikanischen Staat weiterhin stark belastet

Bonn/Wien - Die durch den Völkermord vor zehn Jahren zerstörten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen in der zentralafrikanischen Republik Ruanda sind nach Einschätzung des ruandesischen Laientheologen Laurien Ntezimana weitgehend wiederhergestellt. Heute herrsche wieder Sicherheit, und auch die Lebensbedingungen hätten sich im Rahmen demokratischer Institutionen normalisiert, sagte Ntezimana laut Kathpress in einem Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Allerdings mangle es in Kirche und Gesellschaft immer noch an einem angemessenen öffentlichen Dialog über die Ereignisse von 1994.

Nach Einschätzung Ntezimanas fehlt ein Forum, um die Angelegenheiten des öffentlichen Lebens zu diskutieren. Vor allem werde die Situation der ländlichen Bevölkerung nicht ernst genommen. Die "Arbeit für Gerechtigkeit und Versöhnung" habe "noch einen weiten Weg", so Ntezimana.

Der Theologe kritisierte auch den Umgang der christlichen Kirchen mit dem Völkermord von 1994. Vor allem die katholische Kirche habe noch keine "ehrliche Bestandsaufnahme", bemängelte Ntezimana. Das Evangelium in einer Nach-Genozid-Situation zu verkünden, könne sich nicht auf eine Wiederaufnahme des früheren Seelsorgestils beschränken, der "durch das Ereignis des Völkermords verurteilt" sei. Die Kirche müsse in Ruanda eine viel größere Kreativität entwickeln.

Ntezimana initiierte nach dem Völkermord 1994 ein Versöhnungs-Programm für traumatisierte Menschen. Zudem war er Unterzeichner des "Detmolder Bekenntnisses", eines gemeinsamen Schuldbekenntnisses von Hutu und Tutsi. Sein Programm wurde zwischenzeitlich von der ruandischen Regierung verboten; Ntezimana verbrachte wegen angeblicher "Vergehen gegen die Staatssicherheit" einen Monat in Haft.

Bei den am 7. April 1994 begonnenen Massakern waren zirka 800.000 Menschen getötet worden. Ursache der Tragödie waren Spannungen zwischen der Minderheit der Tutsi und der Bevölkerungsmehrheit des Hutu-Volkes. Von den rund acht Millionen Einwohnern des ostafrikanischen Landes sind etwa 70 Prozent katholisch. Vor dem Völkermord lebten Katholiken zu gleichen Anteilen in beiden Volksgruppen; seitdem haben viele Tutsi die Kirche verlassen. (APA)

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