Kritische Urteilslosigkeit

1. April 2004, 20:26
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"Speed kills": Wie können Medien und Politik komplexen Inhalten gerecht werden? - Ein Kommentar der anderen von Larissa Krainer

"Speed kills": In Zeiten, in denen innerparteiliche Kommunikationsstrukturen wie die der SPÖ ins Schussfeld der Kritik geraten, stellt sich überhaupt die Frage, inwiefern die Politik wie auch die Medien komplexen Inhalten - zugunsten der Wähler - gerecht werden können.


Was ist Kritik?", fragte Michel Foucault 1978 vor der Société fran¸caise de philosophie mehr sich selbst als das Pariser Auditorium und gelangte zur Auffassung, dass Kritik die Fähigkeit umschreibt, Herrschaft autonom zu hinterfragen. Eine Fähigkeit, die er (nicht zufällig unter Bezugnahme auf Kant) als noch zu entwickeln beschreibt.

Zynischer ließe sich formulieren: Kritik ist heute bestenfalls ein verkommenes Organ aufklärerischer Vernunft. Es ist zu fragen, welche möglichen Schwierigkeiten sich ergeben, wenn Herrschaft (Politik) verstanden, analysiert und kritisiert werden soll.

Drei Problembereiche sind dabei erkennbar: Was sich breit macht, ist eine Politik der Aussagelosigkeit, gestützt durch eine kommerzialisierte und zeitbeschleunigte Medienlogik, in der politische Recherche tendenziell zur Liveberichterstattung verkommt und in der Meinungsforscher wie Politikwissenschafter zu medial geliebten Prognostikern der nahenden Zukunft avancieren.

Das Politische ist privat geworden. Immer mehr macht sich ein Sprachwandel breit, der das Politische zum öffentlichen Privatskandal degradiert: "Politkasperltheater" ist ein beliebter Ausdruck, der das selbst inszenierte Spiel zu umreißen sucht und doch gleichzeitig seine Akteure, die zu regieren oder oppositionelle Kontrolle wahrzunehmen hätten, zu Marionetten für kindliche Laien degradiert.

Parteipolitische Koalitionen verkommen im heimischen Blätterwald zur blau-schwarzen "Ehe", politische Konflikte zu deren "Krise". Werden steirische Spargelessen als Vorspeise verstanden, so scheinen Chianti-Koalitionen die darauf folgende Hauptgang zu sein. Gourmetqualitäten und Marathonleistungen interessieren scheinbar mehr als Regierungsprogramme oder oppositionelle Kritik.

Wir wissen, wer mit wem wann was gegessen hat, wer mit wem sich zugeprostet hat, wohingegen das, worüber gesprochen wurde und was vereinbart wurde, weitgehend der Intimsphäre der Partizipierenden und somit der öffentlichen Verschwiegenheit anheim gestellt bleibt. Nicht das Private ist politisch geworden, das Politische ist individualisiert und privatisiert worden, das Agieren der politischen Repräsentanten mehr in den Fokus farbenfroher Lebensabschnittspartnerschaften (Legislaturperioden) als jenen programmatischer Vorhaben gestellt.

Mediale Formen dominieren politische Inhaltsübermittlung. Vielschichtige Inhalte passen kaum noch in die aktuelle Medienlogik.

Zu komplex sind die Themen, um in zwölf Sekunden erklärt zu werden, zu gravierend, um ebenso rasch verarbeitet werden zu können. Im Wissen um die Nichtkommunizierbarkeit komplexer Fragen und Inhalte, die unsere Zukunft determinieren werden, macht sich eine unheilige Allianz der inhaltsleeren Platzierung von Botschaften breit.

Häppchen liefern

Politische Funktionäre trainieren eine medientaugliche Kürzelsprache im Sekundentakt und treiben diese zur Perfektion. Nicht die Medien passen ihre Formen und Formate dem inhaltlichen Erklärungsbedarf an (führen also für komplexe Themen eine umfassende Recherche durch, die in eine ausführliche Darstellung mündet), sondern die Inhalte werden - bereits durch die politischen Akteure selbst - auf das passende Medienformat zusammengeschnitten und als sendefertige Häppchen via Mikrofon serviert.

Zeitbeschleunigung macht inhaltsleer. Politische Redakteure haben diversen Umfragen zufolge immer weniger Zeit, um ausführlich zu recherchieren. Dies einerseits aufgrund von stark um sich greifenden Personalreduktionen (immer weniger arbeiten immer mehr) und andererseits auch, weil sie immer mehr Arbeiten zu erledigen haben, die nicht ursächlich zum journalistischen Geschehen gehören (nach und nach wurden Teile des technischen Produktionsablaufs in die Redaktionen verlagert).

Schließlich aber auch deshalb, weil Journalisten immer häufiger dem sich breit machenden Politaktionismus hinterherhecheln. Immer schon galt Geschwindigkeit dabei als Herausforderung. Lange Zeit galt jedoch auch, dass die Qualität der Recherche ebenso erforderlich war.

Fehlende "Zeitlupe"

"Be first, but first be right" lautet ein prominenter Leitspruch, "das Archiv ist die Rache des Journalisten" ein Satz von Robert Hochner, der wenigstens daran erinnert, dass den Journalisten einst die Aufgabe zugeschrieben wurde, "Historiker der Gegenwart" (Ignacio Ramonet) zu sein. In Zeiten tendenzieller Liveberichterstattung ist das passé und politische Berichterstattung ist kaum noch von Fußballübertragungen zu unterscheiden.

Allerdings fehlt ihr die Zeitlupe, jenes Instrument, das es ermöglichte, aktuelle Aspekte der Zeit unter die Lupe zu nehmen und einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Je komplexer Themen sind, umso mehr Zeit beanspruchen sie. Auch hier gilt, dass nicht das erforderliche Zeitpensum der steigenden Komplexität angepasst wurde, sondern umgekehrt immer häufiger Unfertiges immer schneller kommuniziert wird, selbst wenn Themen noch nicht gereift, Gesetzwerdungen noch nicht genügend überlegt, Konsequenzen des politischen Tuns noch nicht ausreichend analysiert wurden oder Hintergründe noch im Dunkeln liegen, wie etwa bei der jüngsten Kriegsberichterstattungen häufig zu beobachten war.

Mangelnde Reflexionsmöglichkeit steigert Prognosehunger und Erklärungsbedarf. Schließlich führt der Mangel an Möglichkeiten der Analyse jenes politischen Geschehens, das zukunftsdeterminierend, weil Weichenstellungen legend ist, offenkundig zur gesteigerten Hoffnung, Zukunft anderwärtig prognostizierbar zu machen. Das mediale Interesse an Meinungsforschung scheint ebenso zu steigen wie deren Fehleranfälligkeit.

Weitgehend im Dunklen bleibt hingegen nicht nur, welche Gründe und Motive Menschen angeben, jemanden (oder auch eine Partei) wählen zu wollen oder auch nicht, sondern auch, welchen Einfluss solche Umfrageergebnisse selbst auf die Wahlen nehmen (wenn etwa die Verteidigung einer 42-prozentigen Mehrheit sich via Berufung auf Umfrageergebnisse plötzlich wie eine "Aufholjagd" darstellen lässt).

Fragen stellen ...

Das vielfach aus den oben beschriebenen Veränderungen resultierende mangelnde Verständnis diverser Inhalte führt noch zu einem weiteren Wunsch: jenem nach Erklärung durch Experten. Hier rückt die Politikwissenschaft, die auch vielfach Erklärungen liefern kann, zunehmend in den Vordergrund. Sie tut dies allerdings auf einer Metaebene, die eher jene der mehr oder minder gelungenen politischen Inszenierung betrifft, als jene der politischen Inhalte und deren gesellschaftlicher Konsequenzen.

Bert Brecht hat 1932 an den Rundfunk eine Forderung gestellt, die ebenso Geltung für den Journalismus hat: "Er hat die Einforderung von Berichten zu organisieren, das heißt, die Berichte der Regierenden in Antworten auf die Fragen der Regierten zu verwandeln."

Dazu müssten sich Journalisten zunächst einmal Zeit nehmen, die Regierten zu fragen, was sie denn gerne von den Regierenden gewusst hätten. Zeit aber haben sie nicht. Also fragen sie anscheinend lieber die Regierenden, was sie denn gerne den von ihnen Regierten via Medien ausgerichtet hätten. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2004)

Von
Larissa Krainer

Die Autorin ist Professorin für systemische Interventions­forschung in Klagenfurt.
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    Alltag zwischen Politik und Medien: Und jetzt viele kleine Häppchen für viele große Mikrofone . . .

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