Erinnerung an Rosenheim

8. April 2004, 19:08
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Teil 20 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Denken an Schatten in Rosenheim am Inn, eben jetzt, am letzten späten Märzvormittag im Café Griensteidl, mit den ersten lauten und ahnungslosen Reisegruppen; und weit weg von Rosenheim ein Blick auf die heutigen Möglichkeiten, allem zu entgehen: Im Filmmuseum um 19 Uhr David Holzmanns Diary, um 20.30 Uhr Unknown Chaplin - ein Glück, kurz vor der ignoranten, langen Frühlingsnacht.

Leider wird nirgendwo Out of Rosenheim gegeben, ein schöner Film, aber eine Stadt, wo sich im Augenblick die meisten eben nicht aufhalten. Ihnen und sich selbst wünschte man sich die Erinnerung an das, was vor längerer Zeit ein ungewöhnlich hilfreicher und unarroganter Arzt nach einer Visite im Krankenhaus in Rosenheim seinen Patienten wünschte: Ehe er die Station verließ, blieb er im Schatten der Tür stehen, warf einen Blick über seine Patienten, dann über Rosenheim und die Rosenheimer Vorstadt und das Inntal. Er wünschte ihnen, ehe er sie rasch verließ, einen "ver-gnüchten Dienstach".

Dieser Wunsch blieb einmalig und beständig, half nicht nur den Dienstagen selbst und nicht nur den nach ihrer Entlassung längst tödlich Verunglückten. Auch die er heil zurückließ, kommen jetzt mit ihren Dienstagen so "vergnücht" wie möglich zurecht.

Sie lesen dann an ihren "vergnüchten Dienstachen" zum Beispiel Silentium von Wolf Haas. Wer hier noch immer nicht genug lachen kann, obwohl jeder Satz Material dazu liefert, der kann es kombinieren mit Alles Liebe vom Tod von Ruth Rendell. Sie lässt ihren Roman mit einem Hilferuf von Matthew Arnold beginnen: "Ruf einmal noch/mit einer Stimme,/ die ihr vertraut:/ Margaret, Margaret!" Und wenn man hier dann "vergnüchten Dienstach!" dazufügt, so sind Krimi und Tag für heute schon einmal gelöst.
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2004)

Die nächsten "Schattenspiele" von Ilse Aichinger lesen Sie am kommenden Freitag.
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