"Gegen die Wand": Die subtile Form von Politik

26. März 2005, 23:01
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Berlinale-Sieger Fatih Akin, der Regisseur des spannenden, dichten Melodrams "Gegen die Wand", im Interview

"Gegen die Wand", der Überraschungssieger der diesjährigen Berlinale, startet in den heimischen Kinos: Mit Fatih Akin, dem Regisseur dieses spannenden, dichten Melodrams, sprach Isabella Reicher über intuitives Filmemachen und das Politische persönlicher Erzählungen.


Hamburg/Wien - Ein Film in Schwarz und Rot: schwarz wie der Tod, rot wie die Liebe - schon der Titelschriftzug gibt die Intensität und die Gefühlslagen vor, die in weiterer Folge die Leinwand dominieren: Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), zwei, die einander nach Selbstmordversuchen zum ersten Mal in einer Klinik begegnen, gehen eine Zweckheirat ein. Beide haben sie türkische Wurzeln, beide sind in Deutschland aufgewachsen - trotzdem haben sie auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam.

Gegen die Wand entwickelt daraus zum einen eine leidenschaftliche Liebesgeschichte. Zum anderen handelt der Film von Identitätssuche, von unterschiedlichen Sehnsüchten und Lebensrealitäten. Fatih Akins vierter Spielfilm, in Berlin mit dem Goldenen Bären prämiert, fasst diese Elemente in ein heftiges Melodram. Ein mitreißender Film, der nicht zuletzt mit einer eigenwilligen Frauenfigur überrascht.


STANDARD: Wie sind Sie speziell an die Frauenfigur herangegangen? Man liest, die Geschichte einer Freundin von Ihnen habe den Anstoß gegeben.

Fatih Akin: Ich habe versucht, diese Figur, die halt zufällig eine Frau ist, als Alter Ego zu begreifen. Das ist ganz interessant als Mann, der ich bin: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Gar nicht: Wie würde sich die Frau verhalten? Man kann sich als Mann nie hundertprozentig in eine Frau hineinversetzen, das geht nicht.

STANDARD: Hat das Drehen in der Reihenfolge der Geschichte dabei auch mitgeholfen?

Akin: Ja. Ich denke, ein Gutteil der Entwicklung dieser Figur geht darauf zurück, dass wir chronologisch gedreht haben. Ich bin, glaube ich, ein sehr intuitiver Regisseur - das heißt, ich mache mir zwar Pläne und Aufzeichnungen, so gut und genau es geht. Wenn ich aber am Set in der Vorbereitung eine andere Idee habe, dann nehme ich lieber die.

Ich glaube, die Stärke meiner Regiearbeit liegt darin, eine Plattform zu schaffen, wo die Crew und die Schauspieler reagieren können. Das ist, glaube ich, die große Leistung dieses Films. Einfach zu sagen, kommt auf den und den Punkt in der Szene - das ist wichtig. Aber wie ihr dahin kommt, ist euch überlassen.

STANDARD: Wie ist das überhaupt: Filmemachen in Deutschland? Sie sind dreißig, haben in sechs Jahren vier Kinofilme gemacht. Was für eine Rolle spielt da das Umfeld?

Akin: Es gibt eine Art von Austausch - ob das nun mit Tom Tykwer ist, mit Lars Becker oder Andreas Dresen. Zugleich, denke ich, bin ich mit meiner Arbeit ein bisschen ein Außenseiter. Obwohl es so eine neue Bewegung im deutschen Kino gibt, mit der ich mich identifizieren kann. Deren markantestes Ding ist die Vielfältigkeit. Davon leben wir halt: dass wir so ein Verband der Außenseiter sind.

STANDARD: Nach der Berlinale sind Sie häufig mit der Frage konfrontiert worden, ob das jetzt ein deutscher oder ein türkischer Film ist.

Akin: Das ist eben mein persönlicher türkischer, ethnischer, kultureller oder was auch immer Hintergrund - ein wesentlicher Teil meiner Biografie, meiner Persönlichkeit. Natürlich landet das in meinen Filmen. Im Vordergrund stehen für mich immer archaische Sachen. Liebe, Schmerz, Selbstzerstörung, Selbstfindung - das sind die Themen, mit denen ich mich hauptsächlich beschäftige. Die Nationalitätenfrage ist für mich nicht so wichtig.

STANDARD: Aber mit diesem Hintergrund bringen Sie dennoch Geschichten ins Kino und damit an die Öffentlichkeit, deren Relevanz über das Persönliche hinausgeht.

Akin: Ich glaube, wenn Andreas Dresen Filme über Ostdeutschland macht, dann sind das auch persönliche Filme, oder wenn Tykwer kommt mit seinen esoterischen Kunstfiguren, das spiegelt halt dessen Persönlichkeit wider. Meine Mentoren, meine Meister, meine Jungs, die um mich herum sind und mich mit guten Tipps füttern, die haben mir immer geraten, Filme über das zu machen, womit ich mich am besten auskenne. Jeder Filmemacher, der so arbeitet, macht einfach starke Filme. Das Zweite ist, dass Filme wie Gegen die Wand meiner Meinung nach vom Thema her ja keine politischen Filme sind - in der Tradition eines Yilmaz Güney etwa, der hat wirklich politische Filme gemacht. Aber dadurch, dass diese Filme erfolgreich sind und so eine Öffentlichkeit gewinnen, werden sie "politisch". Mein Film kommt zufällig zur EU-Diskussion um die Türkei, zur Kopftuchdebatte. Wenn er in Berlin gewinnt und es dann auf einmal Thema ist, dass da ein Deutschtürke gewonnen hat, ein Einwanderer - das beschwört das Politikum, ohne das Politikum zu bedienen. Irgendwie komisch.

STANDARD: Aber auch nicht schlecht.

Akin: Ja, das ist sehr clever. Das ist vielleicht eine viel subtilere Form von Politik, als Filme in der Tradition eines Güney zu machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2004)

  • Langsame Annäherung eines ungleichen Paares: Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), die Hauptfiguren von Fatih Akins mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnetem Spielfilm "Gegen die Wand".
    foto: polyfilm

    Langsame Annäherung eines ungleichen Paares: Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel), die Hauptfiguren von Fatih Akins mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnetem Spielfilm "Gegen die Wand".

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    Fatih Akin, 1973 als Sohn türkischer Eltern in Hamburg geboren, besuchte die dortige Hochschule der Künste, bevor er nach Kurzfilmen 1998 mit Kurz & schmerzlos sein Spielfilmdebüt vorstellte und dafür gleich mehrfach ausgezeichnet wurde. Seither hat er drei weitere Spielfilme gedreht. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über die Wechselwirkung zwischen westlicher und "orientalischer" Musik, ein weiterer Spielfilm ist in Planung. (irr)

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