Nippons stiller Umsturz

27. Juli 2004, 17:41
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Die höchsten Börsengewinne seit 31 Jahren und stärkeres Wachstum als in den USA: Doch die Jahre der Krise hinterließen tiefe Spuren

Soziale Krüppel" - das war bis vor kurzem die Bezeichnung für Japaner, die bei ausländischen Konzernen arbeiten. "Mit allen negativen Auswirkungen, die man sich nur vorstellen kann, bis hin zur Familiengründung." Glen S. Fukushima, US-Japaner und Vorstandsvorsitzender des Halbleiterherstellers Cadence Systems, berichtet über die Erfahrungen des Headhunters Korn Ferry: "Von zehn Managern, die in den 90er-Jahren telefonisch kontaktiert wurden, um über einen Jobwechsel zu einem ausländischen Konzern zu sprechen, war nur einer zu einem Treffen bereit - und selbst bei dem einen waren die Chancen, ihn zu bekommen, nicht gut. Heute - es ist ein Umsturz - sind es sieben oder acht von zehn, die interessiert sind - und fast alle wollen bei einem ausländischen Konzern arbeiten - das gilt auch für Universitätsabgänger."

Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Wenn Japaner von diesen Jahren und der immensen Immobilien-Spekulationsblase reden, nennen sie es immer nur etwas verschämt "das verlorene Jahrzehnt".

Deflation

Über die Gründe der Krise will man - vor allem mit Ausländern - lieber nicht sprechen. Die Notenbank pumpte in den 80er-Jahren enorme Geldmengen in den Markt, um den Yen auf den Exportmärkten auf einem attraktiven Niveau zu halten. Als "Nebeneffekt" stiegen die Preise für Aktien und Immobilien gewaltig. Am Höhepunkt der Spekulationsblase war das Grundstück des Kaiserpalastes in Tokio - etwa doppelt so groß wie der Wiener Stadtpark - mehr wert als ganz Manhattan samt Gebäuden.

Unternehmen wie Private belehnten darüber hinaus die erworbenen Grundstücke, um neue zu erwerben. Als die Spekulationsblase platzte, saßen die Banken auf Tausenden Milliarden Dollar an uneinbringlichen Krediten. Dem Schock folgte eine Phase der Deflation, die erst Ende 2003 durchbrochen werden konnte.

Doch das verlorene Jahrzehnt hatte auch positive Seiten: Sorgsam zugedeckte Strukturmängel wurden sichtbar, und es entstand das Bild der "Zwei Japans": das eines mehrfach gespaltenen Landes.

In der Wirtschaft: auf der einen Seite das Japan der erfolgreichen Konzerne wie Sony, Toyota, Toshiba, die auch in Krisenzeiten blendend dastanden. Und auf der anderen Seite das Japan mit seiner unglaublich ineffizienten, lange Zeit geschützten Bauindustrie, der veralteten Post, der ineffizienten Stahlindustrie.

"National Cool"

In der Gesellschaft: Auf der einen Seite das durch die Krise tief verunsicherte Establishment, dass sich nur zögerlich von seinen traditionellen Wertvorstellungen entfernen will. Auf der anderen Seite entstand und entsteht unabhängig von allen Krisenszenarien eine als "Japans Gross National Cool" bereits weltbekannte Gegenbewegung, die alles hinterfragt, was nach Tradition aussieht. Gross National Cool ist eine Mischung aus Weltanschauung, Pop-Kultur-Gesellschaft, Mode, gegen die Issey Miyake sehr konservativ wirkt, und Techno-Welt, in der es von künstlichen Tieren, Robotern und Comics-Figuren nur so wimmelt. "National Cool wird Japan zur nächsten Kultur-Supermacht machen", meinte der US-Autor Douglas McGay in einem viel beachteten Essay in Foreign Policy. Und Ichiya Nakamura, M.I.T-Professor, meint, Japan befinde sich auf dem Weg von einer industriellen Produktionsgesellschaft zu einer Pop-Kultur-Gesellschaft.

Machtverlust

Eine weitere Folge der Krise ist der enorme Machtverlust großer Konzerne und Unternehmensgeflechte, die bis in die späten Neunzigerjahre die Wirtschaft beherrschten. Noch immer geben natürlich Riesen wie Toyota oder Sony den Ton an - doch neben ihnen hat sich eine große Zahl kleiner und mittlerer Unternehmen etabliert, die beweglich und innovativ das Land verändern. Für Investoren aus dem Ausland bietet dieses neue, strukturell beweglichere Japan bessere Chancen als jemals zuvor, meinen Analysten internationaler Großbanken ebenso wie Regierungsstellen.

Immer wieder fällt im Gespräch über Investitionen aus dem Ausland der Name des Nissan-Chefs Carlos Ghosn. Er wurde von Renault anlässlich der Übernahme eingesetzt und gilt mittlerweile als "der Mann, der Japan veränderte" - mit bisher in Japan unbekannt harten Sanierungsmaßnahmen. "Das konnte nur ein Ausländer. Ein Japaner hätte sein Gesicht verloren", meint dazu Glen S. Fukushima.

An allen Ecken und Enden erfindet sich Japan neu - die Folgen beschreibt diese neue STANDARD-Serie in den nächsten Tagen. (Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 02.04.2003)

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    Japan muss sich ändern und sich neu ausrichten. Hier die Skyline von Tokyo.

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