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22. April 2004, 15:46
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So billig gab es Flugreisen noch nie: Warum Hierbleiben jetzt teurer kommt als ein Wochenende im Süden

Die Trauben beim Marktstandl haben einen Langstreckenflug hinter sich. Sie wurden in Argentinien geerntet und werden um drei Euro das Kilo verkauft. Auch Mango, Papaya, Kiwi & Co, die in diesen Tagen auf heimischen Märkten ausliegen, stammen von weit her. Kein Wunder, dass auch ihre Preise Business-Class-Charakter haben. Um den Gegenwert eines Wochenendeinkaufs kommt man heute mit etwas Glück schon nach Spanien. Wegfliegen ist fast günstiger als Dableiben.

Billig-Airlines graben traditionellen Chartergesellschaften, die jahrzehntelang quasi ein Monopol auf Urlauber hatten, das Wasser ab. Zwölf Low Cost Carrier heben derzeit von österreichischen Flughäfen ab. Auch wenn der Großteil davon deutsche Städte mit Wien, Graz, Linz und Klagenfurt verbindet, gibt es drei, die auch südliche Ziele ansteuern. Ryanair fliegt von Linz, Graz, Klagenfurt und Salzburg nach Rom. Fairline steuert von Graz und Linz Rom, Mailand und Florenz an. Noch weiter kommt man mit "Niki", dem in Kooperation mit Berlin Air fliegenden neuen Billigshuttle von Niki Lauda. Er peilt von Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck Flughäfen auch in Griechenland, Portugal und Spanien an. Bei Preisen ab 29 Euro nach Alicante oder Barcelona - One Way, aber inklusive Service und Steuern - schlackern die Ohren. Palma de Mallorca gibt es bereits ab 49 Euro.

So billig wie schon lange nicht mehr

Das Reisen ist so billig wie schon lange nicht mehr. Die regulären Katalogpreise liegen um sieben bis zehn Prozent unter dem Vorjahr. Aber die will ohnehin kaum jemand bezahlen. Einige nutzen Frühbucherrabatte, andere schwören auf Last Minute. Preisnachlässe sind Teil des Spiels. Weil Fliegen immer billiger wird, gehen immer mehr Urlaubshungrige dazu über, ihr Reiseprogramm individuell zusammenzustellen: da den Flug, dort das Hotel und vor Ort auch den Mietwagen, der analog zur Unterkunft natürlich auch per Mausklick im Internet buchbar ist.

"Die Leute sind ganz wild auf Eckpreise", weiß Wilfried Kropp, Österreich-Chef des Computerreservierungssystems Amadeus. "Die sehen ein Flugangebot um 29 Euro und wollen genau das haben. Sie surfen im Netz, stoßen auf ein Schnäppchen-Zimmer und patsch, schon ist es ihres." Nachsatz: "Wenn das Zimmer nicht schon weg ist in der Zeit, in der sie es eigentlich brauchen würden." Ähnlich sei es aber auch mit den Flügen zum "Tiefer-geht-nimmer-Preis", sagt Joseph Reitinger-Laska, Präsident des Österreichischen Vereins für Touristik. "Es gibt ein sehr kleines Kontingent an Tickets zum Superpreis, allerdings versehen mit allerlei Haken und Ösen. Es muss Monate im Voraus gebucht werden, Rücktrittsrecht gibt es keines. Auch Steuern und Flughafengebühren sind meist noch gesondert zu zahlen."

Den Markt kräftig aufgemischt

Dennoch, die Airlines ohne Schnickschnack haben den Markt kräftig aufgemischt und auch die etablierten Anbieter gezwungen, mit ihren Preisen runterzugehen. Großen Veranstaltern wie TUI und Thomas Cook ist es gelungen, speziell in Spanien bei bestimmten Hotels deutlich bessere Konditionen herauszuschlagen als noch vor wenigen Jahren - Vorteile, die sie an die Kunden weitergeben können.

Der Wettlauf um die Gunst der Urlaubshungrigen findet auf allen Ebenen statt und lässt keine Altersgruppe aus. STA Travel, eine der ersten Adressen in Sachen Jugend- und Studentenreisen, verkauft ein Wochenende Mallorca mit Halbpension in einem Drei-Sterne-Haus mit einer Übernachtung um 140,50 Euro pro Person. Eine Woche Kreta in einem Vier-Sterne-Hotel kostet bei sieben Übernachtungen, Halbpension und Flug 307,50 Euro. Geflogen wird low cost mit Niki.

Die Masche der Billigflieger ist simpel: Sie haben meist eine einheitliche Flugzeugflotte, eine engere Bestuhlung, verzichten auf ein Vielfliegerprogramm und steuern meist kleinere und somit günstigere Flughäfen an. Vor allem aber sind sie wesentlich schneller wieder in der Luft als herkömmliche Linien. Und das spart Geld. Einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey zufolge liegen die Kosten pro Passagier und Kilometer bei den großen Fluglinien bei zwölf Cent, während Ryanair mit 4,5 Cent das Auslangen findet. Ryanair und Easy-Jet gehören in Europa aber auch zu den wenigen Billigfliegern, die Gewinne schreiben. (Der Standard/rondo/02/04/2004)

Von Günther Strobl
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