Ergreifung von Karadzic fehlgeschlagen

2. April 2004, 15:36
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SFOR: "Wir haben ihn nicht gefunden" - Zwei Zivilisten bei Aktion in Pale lebensgefährlich verletzt

Pale/Belgrad - Bei der Suche nach dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic mussten die NATO-Truppen in Bosnien-Herzegowina einen weiteren Misserfolg hinnehmen. SFOR-Soldaten umstellten am frühen Donnerstagmorgen ein Haus in Karadzics früherem Wohnort Pale. Schüsse und eine Explosion waren zu hören. Ein Sprecher der SFOR-Truppe sagte später, die gesuchte Person sei nicht gefunden worden. Zuvor hatte er erklärt, es handle sich um eine "laufende Aktion bezüglich Personen, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt sind".

Ein anderer Offizier sagte der Nachrichtenagentur AP: "Sie wissen, wer in Pale war und ist, und worum es in Pale geht." Die Stadt war während des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995 Sitz der Führung der bosnischen Serben. Karadzics Frau und Tochter leben weiter in Pale.

Verletzte Zivilisten schweben in Lebensgefahr

In dem am Donnerstag umstellten Gebäude sollen drei serbisch-orthodoxe Priester wohnen. Die Umgebung wurde von den Soldaten abgeriegelt, rund 100 Anrainer versammelten sich vor den Absperrungen. Zwei Menschen wurden auf Tragen aus dem Gebäude gebracht und von einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus in der nordbosnischen Stadt Tuzla gebracht. Eine Krankenhaussprecherin erklärte, es handle sich um einen der Priester und einen jüngeren Mann, vermutlich sein Sohn. Beide schwebten in Lebensgefahr. Zuvor hatte ein Polizist erklärt, zwei bosnische Serben seien getötet worden.

Protestkundgebung in Pale

Etwa 3.000 bosnische Serben haben sich am Donnerstag zu einer Protestkundgebung in Pale eingefunden, nachdem in den frühen Morgenstunden in einer Fahndungsaktion der internationalen Friedenstruppen SFOR der serbisch-orthodoxe Priester Jeremija Starovlah und dessen Sohn Aleksandar lebensgefährlich verletzt wurden. Zur Protestkundgebung sind laut dem Belgrader Sender B-92 auch hohe Funktionäre der Republika Srpska eingetroffen.

Wie der Priester Slobodan Lubarda aus Pale schilderte, seien SFOR-Soldaten kurz nach Mitternacht über den Balkon des Pfarrhauses in die Wohnungen der dort lebenden zwei Priesterfamilien eingebrochen. Er beschuldigte die SFOR, Waffen eingesetzt zu haben. Gemäß seinen Angaben hätten die SFOR-Soldaten, nachdem sei in die Wohnung gewaltsam eindrangen, auf den Priester Starovlah und dessen Sohn geschossen.

Anschuldigungen gegen Karadzic

Karadzic wird vom UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag beschuldigt, zusammen mit dem früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic für den Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 verantwortlich gewesen zu sein. 260.000 Menschen wurden in dem Krieg getötet, 1,8 Millionen weitere verloren ihre Heimat. Gegen Karadzic und seinen einstigen Militärchef Ratko Mladic wurde 1995 vor dem Haager Tribunal Anklage wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben. Beide sind seit Jahren untergetaucht. Alle Versuche der NATO-geführten Friedenstruppe in Bosnien, Karadzic festzunehmen, scheiterten bisher.

Serbische Polizei würde Mladic verhaften

Die serbische Polizei sei für eine Festnahme des ehemaligen bosnisch-serbischen Militärchefs Ratko Mladic und anderer vom UNO-Kriegsverbrechertribunal angeklagter Personen bereit, sollten zuständige Organe dies beauftragen. Dies erklärte am Donnerstag der stellvertretende serbische Innenminister Miroslav Milosevic gegenüber dem Belgrader Sender B-92. Eine Festnahme von Mladic hänge nur von Informationen ab, wo er sich befindet, sagte der Vize-Innenminister.

"Das Innenministerium wird alle Verpflichtungen erfüllen, wenn es gültige Informationen darüber gibt, wo er (Mladic) sich befindet", betonte Milosevic. Die Erfüllung dieses Auftrags könne nicht von persönlichen Gefühlen Einzelner in der Polizei abhängen, fügte er hinzu.

(APA/AP/dpa)

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    SFOR-Einsatz zur Ergreifung von Karadzic fehlgeschlagen

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