Sex, Drogen - aber Frau Sonja bleibt ihrem Grätzel treu

6. April 2004, 09:51
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Die äußere Mariahilferstraße soll attraktiver werden - ein Lokalaugenschein

Die äußere Mariahilferstraße soll attraktiver werden - mit einem Bezirkslauf und einem Kunstprojekt. Dealer und Prostituierte wird das nicht vertreiben. Ein Lokalaugenschein

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Wien - "Das mit den Drogen hat's früher nicht gegeben. Das mit den leichten Mädchen auch nicht." Frau Sonja weiß es, sie wohnt seit 50 Jahren bei der äußeren Mariahilfer Straße. Auf der Einkaufsstraße drüberm Gürtel ist an diesem Mittwoch viel los: Mittagspause, die Menschen drängen aus den Büros. Nachts sind hinter dem Westbahnhof jene Menschen unterwegs, die Geld gegen Sex oder Drogen tauschen. Tagsüber fürchtet sich Frau Sonja nicht. "Als Frau geh ich am Abend aber nicht weg." Sie schüttelt den Kopf, dass die wicklergedrehten Haare wippen. "Früher war es besser."

Die Probleme "mit der Dealerei" und illegaler Prostitution kennt Bezirksvorsteher Walter Braun (SP) gut. Weltweit sei in den Städten die Lage rund um Bahnhöfe trist. Es klingt, als ob der Bezirkschef sich trösten müsste, einem soziologisch und geografisch - wegen der Teilung durch die Westbahn - komplizierten Bezirk vorzustehen. Er macht sich keine Illusionen, dass die Probleme zu beseitigen wären. Besserung sei aber möglich. Für die Polizei sei Rudolfsheim-Fünfhaus Schwerpunktgebiet, frohlockt er.

Maßnahmen zur Belebung

Zwei Maßnahmen zur Belebung der Straße sollen wirken: Am 9. Mai findet der 2. Mariahilfer Straßenlauf statt. Außerdem soll die "Straße der Räder" realisiert werden. Skulpturen bis zum Technischen Museum werden aufgestellt. Direktorin Gabriele Zuna-Kratky erwartet eine Aufwertung der "Kulturachse" rund um Imax und Museum. Bezirkschef Braun bekommt von Bewohnern meistens Beschwerden wegen Pöbelei "oder wenn gebrauchte Gummis auf den Straßen liegen". Dazu kommen Beschwerden über ein Problem, das auch im Stuwerviertel in der Leopoldstadt drängend und unbewältigbar scheint: mit dem Auto kreisende Freier. Michaela Rebel-Burget, Leiterin der Gebietsbetreuung, ergänzt die Beschwerdeliste: Die "Geschäfte" rund um Prostitution und Drogen würden in den Eingängen und Höfen von Wohnhäusern besorgt. "Immer mehr wollen eine Gegensprechanlage im Haus, um sich zu schützen." Damit die Hauseingänge für die Kinder versperrt bleiben können. "Mir gefällt's hier sehr gut". Frau Sonja bleibt ihrem Bezirk trotz allem treu. Nicht, dass sie was gegen Ausländer hätte, aber in den billigen Zimmer-Kabinett-Wohnungen leben viele von ihnen.

Erst diese Woche wurde in der Österleingasse ein Kellerquartier ausgehoben, in dem Ausländer für 20 Euro pro Nacht auf Matratzen am Boden schliefen. Das Haus gehört einem FPÖ-Bezirkspolitiker. Geschäftsstraße "Es wird immer schlechter", konstatiert Regina Seiter. Sie ist Inhaberin des "10-Schilling-Shop" gegenüber dem Schwendermarkt. "Das was an Publikum hier lebt, ist unterste Lage ... was aus dem Osten alles zu uns kommt." Die Blonde seufzt. Die Politik müsste drauf schauen, dass hier bessere Leute herziehen. Dann würde auch das Geschäft besser gehen. Ein Einkaufszentrum müsse her.

Frequenzbringer

Weil nur im oberen Teil der äußeren Mariahilferstraße habe man vom Frequenzbringer "Intersport" profitiert. Gegenüber, deutet Frau Seiter auf das Spielzeuggeschäft "Gepetto", hat schon wieder ein Geschäft zugesperrt. Dass in der Straße die Geschäfte häufig wechseln, erklärt Gebietsbetreuerin Rebel-Burget mit der Kleinheit der Geschäftslokale. Die könnten sich kaum erhalten. Bestand haben allerdings Traditionsgeschäfte. Die Verkäuferin bei Stahlwaren "Menning" vertraut auf Stammkunden. Bei "Koçat Süpermarkt" ist der Inhaber zufrieden. Geschäft "is supergut". (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe 1.4.2004)

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