Gerichtsgeschichte: Drogenboss oder Opfer

2. April 2004, 09:39
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Der Richter nannte ihn "Massenmörder unserer Jugend" - Der Oberste Gerichtshof hob das Urteil auf

Wien - Die wenig gelungene "Operation Spring" erlebt ihren fünften Frühling im Gericht. Noch immer grübelt die Justiz, ob man bei der Drogenrazzia im Mai 1999 mit Emmanuel C. (36) den führenden Kopf der Bande zerschlagen hat - oder vielleicht doch einen Unschuldigen.

Im Mai 2001 wurde der Nigerianer wegen Suchtgifthandels zu neun Jahren Haft verurteilt. Der Richter nannte ihn einen "Massenmörder unserer Jugend". Der Oberste Gerichtshof hob das Urteil auf. Der anonymisierte Zeuge "AZ 3000" fühlte sich von der Polizei hineingelegt und zog seine Beschuldigungen zurück. Der zweite Prozess endete mit Freispruch.

Fünf Jahre saß der Afrikaner in U-Haft

Doch dabei blieb es nicht. Diesmal fehlte dem Höchstgericht die ausführliche Begründung, warum zwei Belastungszeugen umgefallen waren. Der Prozess durfte also ein drittes Mal von vorne beginnen. Fünf Jahre saß der Afrikaner in U-Haft. Zu Weihnachten schrieb er Bundespräsident Klestil einen Brief, die Kanzlei wandte sich ans Justizministerium. Im Februar wurde Emmanuel C. nach einer außertourlichen Haftprüfung gegen Gelöbnis enthaftet.

Seit November ist er wieder angeklagt. "Ich bin unschuldig. Ich möchte Gerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit für Arm und Reich da ist", sagt er bei der Einvernahme. Er habe nie im Leben etwas mit Drogen zu tun gehabt. Und warum hat er in vier Monaten 104-mal jenes Währinger China-Restaurant aufgesucht, das als Hauptumschlagplatz für Heroin und Kokain galt? - "Ich wollte essen. Und ich habe Gebrauchtwagen verkauft und nach Kunden geschaut."

Im Gerichtssaal werden stundenlang Bänder vom Lauschangriff abgespult, auf denen der Angeklagte beim Dealen zu sehen sein soll. Der Richter kommentiert: "Hier sieht man, wie er zum Tisch geht, eine Weile dort steht und wieder weggeht." Der Anwalt schimpft: "Die Verhandlung ist nichtig!" - "Geben Sie Ihren Beruf auf!", kontert der Richter. Der Prozess geht weiter. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 1.4.2004)

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