Kassenschlager, trivial wie genial

7. April 2004, 21:04
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Kunst, Wissenschaft, Kryptisches: Die penibel recherchierten Thriller des US-Bestsellerautors Dan Brown

Selten war so genannte Trivialliteratur anregender als bei den penibel recherchierten Thrillern des US-Bestsellerautors Dan Brown: Sie verbinden Kunst-, Wissenschafts- und Religionsgeschichte, Kryptografie und Mutmaßungen über Geheimbruderschaften.


"Blockbuster perfection", urteilte die New York Times: Die Bücher des US-Autors Dan Brown rangieren seit Monaten an der Spitze ihrer Bestsellerlisten. Allein über sechs Millionen verkaufte Exemplare des neuesten Religionsthrillers Sakrileg (engl. The Da Vinci Code) und Übersetzungen in 40 Sprachen zeugen von globaler Schlagkraft und Faszination.

Die Filmrechte des Krimis sicherte sich laut Fachmagazin Variety bereits Columbia Pictures Studio für umgerechnet 5,1 Millionen Euro. Der für A Beautiful Mind Oscar-gekrönte Regisseur Ron Howard soll dafür sorgen, dass praktisch jeder einen gewissen Robert Langdon kennt, einen Indiana Jones, der als Alter Ego des in Neuengland lebenden, 37-jährigen Ex-Englischprofessors auf faszinierende Weise Rätsel aller Art löst. Langdon, in Kunst und Geschichte bewanderter Ikonologe aus Harvard, wird sowohl in Illuminati (engl. Angels and Demons) und in Sakrileg bei der Klärung von Mordfällen als Experte hinzugezogen.

Geheimwissenschaften, Mythologie und Heiliger Gral, geheime Bruderschaften wie etwa die Illuminati oder der Orden der Bruderschaft von Sion, der ewige Kampf zwischen Wissenschaft und Religion, Symbologie und Kryptografie-Spielchen, garniert mit Verschwörungstheorien und ungeahnten Wendungen: All dies verpackt Dan Brown in letztlich literarisch durchschnittlich gute Storys, für die Teenager wie alte Hasen gerne Nächte opfern und sonst einfach alles links liegen lassen.

Man weiß, man wird hereingelegt, erliegt mit Wonne dem Zauber. Über Sakrileg, in dem sich ein Mordopfer dramatisch selbst als Schrift- und Bilderrätsel inszeniert, vermerkte etwa die F.A.Z.: "Ein Thriller, den selbst amtliche Literaturkritiker verschlingen, die sich hinterher wie bußfertige Sünder aufführen (. . .) Moderne Flagellanten, die sich für die Lust am so gennannten Trivialen geißeln."

Selten wird so spannend wie in diesen Romanen den Lesern auch noch jede Art von Kunst vermittelt. Browns Frau Blythe, Kunsthistorikerin und Malerin, soll bei diesen Themen entscheidend mitreden.

Große Kinder bekommen ihren Wissensdurst gestillt, nicht dozierend, sondern so im Drüberwischen vermittelt - Fakten und Schauplätze aller vier Bücher Browns sind penibel genau recherchiert. Opus Dei, heißt es da, habe den Vatikanstaat finanziell saniert und damit auch die sehr umstrittene Heiligsprechung des Gründers Josemaría Escrivá 2002 befördert: der Heilige der Kirchengeschichte mit der absolut kürzesten Wartezeit.

Obwohl bei genauem Nachdenken manchmal haarsträubende Thesen verbreitet werden, etwa über die Nachkommenschaft Jesu mit Maria Magdalena - da dieser gewisse Jesus jetzt auch wegen der Passion Christi diskutiert wird, beweist Brown einmal mehr Gespür für "ewige", allgemeinmenschliche Themen. Feministinnen erfreuen sich an seinen Ausführungen zur jahrhundertelangen Unterdrückung der Göttinnenverehrung, der "großen Mutter", Isis oder "the sacred feminine", durch die katholische Kirche. Jesus habe nicht Petrus zum Sachwalter seiner Kirche eingesetzt, verbreitet Brown nach apokryphen Bibelstellen, sondern - bitte selbst lesen! Mona Lisas androgynes Lächen entschlüsselt er als Anagramm aus Amon und L'Isa, also Isis. Und da setzt wieder der Was-wärewenn-Mechanismus ein, den Dan Brown so meisterhaft zu steuern versteht.

NSA und USA

Als Schlüsselerlebnis und Schreibimpuls gibt Dan Brown einen Vorfall an der Uni an: Ein Student, der in einem E-Mail-Forum behauptete, Präsident Clinton killen zu wollen, wurde am nächsten Tag von US-Behörden gestellt. Brown recherchierte monatelang über das Abhör- und Spionagesystem der USA: die mächtige Organisation NSA (National Security Agency), welche laut Brown damals nur drei Prozent der US-Amerikaner ein Begriff gewesen war.

Digital Fortress, publiziert 1996, verwob diese Informationen in fiktive Geschichten. Spionage- und Tötungsmethoden wie -equipment extemporiert der Autor in Meteor, einem den beiden Langdon-Bänden nicht das Wasser reichenden Polit-Thriller rund um einen Himmelskörper mit angeblichen Beweisen außerirdischen Lebens.

Illuminati hat hingegen das Zeug zu Ecos Der Name der Rose oder Patrick Süskinds Das Parfum, durch den Trivialfleischwolf gedreht. Manche sprechen bereits von einem Harry-Potter-Phänomen. Den Erfolg Browns erklärt sich die F.A.Z. mit Browns "fiktionalisierter Lebensberatung für das elektronische Zeitalter". Bitte weiter beraten! (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2004)

Von Doris Krumpl
  • In Pose im Raffael-Korridor: Dan Brown in der Engelsburg in Rom 
Link  www.danbrown.com
    foto: dan brown

    In Pose im Raffael-Korridor: Dan Brown in der Engelsburg in Rom

    Link

    www.danbrown.com

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