Phoenix: Feste Hände statt lose Disco

9. April 2004, 13:09
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Das Pariser Quartett und sein Frühlingsalbum "Alphabetical"

Kuhglocken als integraler Bestandteil eines Schlagzeugs. Auf der akustischen Gitarre gestrampfte Shuffle-Rhythmen und zart abgedämpfte Funky-Licks auf der elektrischen. Handclaps. Uuuuhhhh- und Aaaahhhh-Chöre. Boogierock nicht im Sinne von ZZ Top, sondern im Sinne von zugekoksten Mittelscheitelträgern und Studio-Cracks der kalifornischen Westcoast der späten 70er- und frühen 80er-Jahre. Dazu ungeniert Michael Jackson ebenso zitieren wie überhaupt alte Gottseibeiuns-Mainstream-Bands im Sinne von Toto, Eagles, Boston und sich verbeugend vor manischen Tüftlern aus dem Hause Steely Dan oder auch Todd Rundgren: Wäre das französische Quartett Phoenix vor zehn Jahren an den Start gegangen, wäre der Ruf der Band schon mit dem Debüt, United aus 2000, nicht einmal über die Stadtgrenzen von Paris hinaus gedrungen, weil schon vorher ruiniert gewesen.

Die Musiker aus dem Umfeld von Air verstehen es aber auch jetzt wieder mit Alphabetical und ihrem eklektizistischen Stilmix aus allem, was Gott schon vor zwei, drei Jahrzehnten verboten hat, für uneingeschränkte Freude in einem Marktsegment zu sorgen, das Rock nicht über Härte oder den strengen Willen zur perfekten Formgebung definiert, und schon gar nicht über technoide Seelenlosigkeit und Disco oder über Stroboskop-Sperrfeuer.

Der sanftmütig summende und sensibel sprechsingende Sänger Thomas Mars und seine Pariser Wohngemeinschaft ziehen hier ihr Bubending von einer Band als soziales Wohnsystem durch, das Platten im Keller des zur Untermiete genommenen Hauses recht gelassen produziert. Statt Drogen und Randale gibt es hier Rotwein in Maßen, statt Endlos-Raves die Aktion das gute Buch. Getanzt wird grundsätzlich eng, und wenn offen, dann höchstens im Midtempo-Bereich - und statt losen Mädchen wird das Konzept "In-festen-Händen" favorisiert. Die Arbeit im Studio ist schon anstrengend genug.

Vor allem aber: Auch die zehn neuen Songs plus einem namenlosen "Hidden Track" auf der neuen CD beweisen eindrücklich, dass es sich hier nicht bloß um eine weitere rückwärts gerichtete Zweckgemeinschaft von Pop-Interessierten handelt, die Second-Hand-Gefühle aus alten Zeiten mit Drittquelle-Zitaten im Jetzt nachstellen will. Phoenix sind trotz aller historischen Referenzen und Präferenzen und ihrer Vorliebe für teilweise arg überkandidelte Sounds früherer Zeiten eine durchaus moderne Band. Es wird mit modernsten Mitteln gearbeitet. Der organisch und vor allem auch nach Liveeinspielung klingende Gesamtsound ist das Ergebnis monatelanger Frickelei an diversen Oldschool-Instrumenten wie Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards ebenso, wie hier in der Endabmischung zweifellos auch Laptop oder Heimcomputer dazugekommen sind.

Was Phoenix schließlich endgültig auszeichnet, ist eine trotz aller textlichen Beiläufigkeit aus dem Handbuch "Englische Allgemeinheiten für Ausländer, die inhaltlich unverbindlich bleiben wollen, Fortgeschrittenenkurs, Teil zwei" unglaublich entspannte Sicht der Dinge. Mit noch nicht einmal 30 Erdenjahren auf dem Buckel hat sich hier jemand ganz, ganz gelassen darauf eingelassen, über die ursprüngliche Vorgabe des Recycling tatsächlich auch heute noch funktionierende Songeinheiten zu produzieren. Der Rest sind knospende Blumen und ein tief empfundenes Gefühl, das es jetzt endlich Frühling wird. Sofort! (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2004)

Von
Christian Schachinger
  • Phoenix  Alphabetical (Virgin)
    foto: virgin

    Phoenix
    Alphabetical
    (Virgin)

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