Ein duftendes Bernsteinzimmer in den Kristallwelten

5. April 2004, 19:07
1 Posting

In André Hellers Swarovski-Kristallwelten ist nach der Erweiterung auch Platz für temporäre Ausstellungen

Wattens - Harald Szeemann ist Kulturtheoretiker, Museumsdirektor, Ausstellungskurator und ein guter Bekannter der Swarovskis im Tiroler Wattens. Es war also nahe liegend, den 70-jährigen Schweizer mit der ersten temporären Ausstellung in den seit vier Monaten auf 13 "Wunderkammern" erweiterten Kristallwelten zu beauftragen. Beide zentralen Installationen der "Verzauberung auf Zeit" werden drei Jahre zu sehen, zu hören - und zu riechen sein.

Das legendäre Bernsteinzimmer ist in seinen originalen Maßen (17 m²) von Ingeborg Lüscher, Szeemanns Ehefrau, aus italienischen Seifenwürfeln der Marke Sole nachgebaut worden - 3,5 Tonnen davon wurden verbraucht. Vor Jahren hatte Lüscher ein Stück dieser Seife gegen das Licht gehalten und war vom warmen, gelborangen Bernsteinton fasziniert.

Im Original, das Friedrich Wilhelm I. 1716 dem Zaren Peter dem Großen schenkte, sind die geschliffenen Bernsteinplättchen auf Holz aufgezogen und leuchten aus sich selbst heraus. Bei Lüscher muss mit Lichtquellen hinter den in unsichtbaren Gerüsten gehaltenen Seifenwürfeln nachgeholfen werden, wobei die Suche nach Lampen, die absolut keine Wärme abstrahlen, zum Aufwändigstem am Projekt zählte.

Wie nahe die Atmosphäre dem Original kommt, kann niemand beurteilen. Dieses wurde 1741 im Katharinenpalast mit Spiegeln und anderen dekorativen Elementen auf 100 m² erweitert, von den Nazis 1941 geraubt und ist seither verschollen. Seit einem Jahr ist diese Version des Bernsteinzimmers als Kopie wiederhergestellt und kann eines ganz bestimmt nicht: so duften wie "Sole".

Die ganze Menschheit

Höchst anspruchsvoll ist die Idee hinter der Installation "Prometheuskuppel" von Peter Bissegger. Er realisiert eine Idee, an der der russische Komponisten Alexander Skrjabin vor knapp hundert Jahren gescheitert ist. Skjrabin hat jede Tonart einer Farbe zugeordnet, etwa Rot für C-Dur oder Grün für A-Dur. Mit der 1910 eigens komponierten Prometheus-Symphonie wollte Skrjabin gleich die gesamte Menschheit auf eine höhere, friedlichere Bewusstseinsstufe heben. In Indien sollte das Werk aus Tönen und Farbe unter einer riesigen Kuppel aufgeführt werden und zwar so lange, bis die gesamte Menschheit das Mysterium erlebt hätte. Bissegger lässt in Wattens die Musik zwar nur vom Band abspielen, dafür hat er unter einer Kuppel, unter die vielleicht dreißig Menschen passen, die technische Möglichkeit, den Raum nach Skrjabins Vorgaben ins richtige Licht zu tauchen.

Obwohl die Kristallwelten in den ersten acht Jahren von mehr als fünf Millionen Menschen besucht wurden, ist Besserung der Menschheit kein erklärtes Ziel mehr. Und der Russlandbezug ist kein Zufall: Russische Besucher (und Käufer im angrenzenden Kristallshop) gibt es inzwischen mehr als andere. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2004)

Hannes Schlosser hat sich das Bernsteinzimmer aus Seife angesehen.
  • Es riecht auch noch: Nachbau des Urbernsteinzimmers aus Seife in den Kristallwelten in Wattens. Drei Jahre lang soll diese Rauminstallation zu sehen sein.
    foto: schlosser

    Es riecht auch noch: Nachbau des Urbernsteinzimmers aus Seife in den Kristallwelten in Wattens. Drei Jahre lang soll diese Rauminstallation zu sehen sein.

Share if you care.