Abdullah bin Abdulaziz Al Saud

1. April 2004, 17:07
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Reformer durch Druck von innen und außen

Offiziell führt er noch immer "vorübergehend" die Geschäfte für seinen seit Mitte der Neunzigerjahre invaliden Halbbruder König Fahd. Tatsächlich hat sich Kronprinz Abdullah bin Abdulaziz Al Saud natürlich längst als Herrscher in Saudi-Arabien etabliert. Und nicht nur das, er ist heute einer der einflussreichsten Politiker der arabischen Welt, und zwar nicht nur kraft seiner Position, sondern vor allem seiner Persönlichkeit.

Ein schwächeres Kaliber hätte sich schwerlich leisten können, die Arabische Liga im Jahr 2002 dazu zu bringen, die Normalisierung mit Israel ins Angebot zu nehmen, oder auch US-Präsident George Bush offen zu kritisieren ("Er ist nicht gut über die wirkliche Lage in der Region informiert") und trotzdem weiter auf dessen Respekt zählen zu können. Es heißt, dass sich die beiden gut vertragen – auf Bushs letzte Reforminitiative für den Mittleren Osten reagierte der Regent jedoch ausgesprochen sauer.

Denn er glaubt selbst am besten zu wissen, was in der Region – besonders in der stockkonservativen Gesellschaft seines wahhabitisch-islamistischen Königreichs – möglich ist und was nicht. Aber der Wandel wird Saudi- Arabien aufgezwungen, der Weckruf kam mit den Anschlägen von 9/11, aber spätestens mit jenen in Riad im Mai und im November 2003: Da zerbrach die Illusion, dass es Probleme mit Dissens und Terrorismus nur woanders gibt. Dann kam der Irakkrieg mit ganz neuen Herausforderungen, etwa der Stärkung der arabischen Schia, einer diskriminierten Minderheit in Saudi-Arabien. Abdullah reagierte auf den Reformdruck, wenn auch sehr vorsichtig: Der interessanteste Schritt ist bisher die Ankündigungen von Lokalwahlen im Oktober. Außerdem hat der Kronprinz einen "nationalen Dialog" mit verschiedenen Gruppen der Gesellschaft eröffnet.

Mit seinen 80 Jahren hat Abdullah, seit 1963 Oberbefehlshaber der Nationalgarde, seit 1982 Kronprinz, nicht endlos Zeit, die Weichen zu stellen. Die Rolle als Reformer ist ihm nicht auf den Leib geschrieben, er selbst ist konservativ, sehr fromm und im Gegensatz zu vielen anderen Angehörigen des Königshauses moralisch rigid – was aber seine Glaubwürdigkeit bei den noch Konservativeren erhöht.

Denn was den einen zu wenig ist, ist anderen viel zu viel: Auch innerhalb der Familie Saud gibt es Widerspruch, als Abdullahs Gegenspieler gilt der mächtige Innenminister Prinz Nayef, der in der Thronfolgerliste einen prominenten Platz einnimmt.

Viel ist allgemein von Abdullahs beduinischen Vorlieben – Pferde und Falken – und einfachem Lebensstil zu hören, der jedoch etwa die Vorliebe für Rolls-Royce durchaus mit einschließt. Ehefrauen – islamisch erlaubte – hat er mehrere, mit ihnen hat er sechzehn Kinder gezeugt. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2004)

Von
Gudrun Harrer
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