Sex als soziales Verhältnis

1. April 2004, 07:00
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Der Natur auf die Pelle gerückt: Queer Theory und ihr Blick auf die Welt

Noch nicht allzu lange ist es her, dass die Kategorie Gender einen Erdrutsch in der Forschung der Sozial- und Geisteswissenschaften auslöste. Als mehr oder weniger "logische" Konsequenz der zweiten Frauenbewegung hielt die Frage nach den (hierarchischen) Geschlechterverhältnissen, aber auch nach der Konstruktion von Geschlecht Einzug in Universitäten und institutionelle Politik.

Mittlerweile, etwa 20 Jahre, nachdem Gender die Welt (zumindest die wissenschaftliche) eroberte, ist eine weitere Kategorie am Start, die ebenfalls innovative Perspektiven auf die soziale Wirklichkeit ermöglicht. Am allgemeinsten lässt diese sich mit "Sexualität" beschreiben und ihr theoretisches Label als "Queer Theory".

Der Begriff "queer" geht auf das altdeutsche Wort "verquer" zurück, das im 15. Jahrhundert als Bezeichnung für Schwule gebräuchlich war. Erstmals verwendet wurde "queer" in seiner jetzigen Bedeutung 1990, in einem Aufsatz der angloamerikanischen Theoretikerin Teresa de Lauretis.

Konstruierter Sex

Zu den Grundlagentexten der Queer Theory gehören u.a. Teile des Werks von Michel Foucault, hier sei vor allem der erste Band von "Sexualität und Wahrheit" genannt, weiters die Schriften Judith Butlers, die Ende der 80er-Jahre einen Umbruch in der Sex/Gender-Debatte auslösten. Das Credo der anglo-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin: Nicht nur das soziale Geschlecht, Gender, ist konstruiert, sondern auch Sex, das biologische Geschlecht.

Queer Theory geht demnach der vermeintlichen Natürlichkeit von Sexualität auf den Grund, und ist bestrebt danach, Sexualität als hegemoniales kulturelles Produkt sichtbar zu machen. In Butlers Sinn ist der vermeintlich natürliche Sexakt zwischen Mann und Frau als Set kulturell geprägter Normen und Symbolen zu verstehen, das in seiner Dominanz Natürlichkeit "inszeniert".

Vor diesem Hintergrund wird klar, worin die politische Komponente von Sexualität liegt: Sie ist ebenso wie Geschlecht, Alter, Rasse und Klasse ein soziales Strukturprinzip, das einer Theoretisierung unterzogen werden muss. Die Queer Theory stellt außerdem Zweigeschlechtlichkeit als Naturtatsache in Frage und "übt Kritik an den identitätslogischen Grundlagen emanzipatorischer Bewegungen", hält Heike Raab, Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft in Wien, fest.

Gender Forschung, Gay/Lesbian Studies und Queer Theory

Worin bestehen aber nun die Unterschiede zwischen Gender Forschung, Gay/Lesbian Studies und Queer Theory? Die Frage ist berechtigt, beschäftigen sich doch Gender-Theorien ebenfalls mit Sexualität und ihren politischen Implikationen. Außerdem baut die Queer Theory wesentlich auf den Erkenntnissen der feministischen Forschung auf. Und auch den Lesbian/Gay Studies ist die grundsätzliche Infragestellung von Heterosexualität zu eigen. Natascha Gruber, Lehrende an der Universität Wien, hält die einzelnen Disziplinen für schwer abzugrenzen, betont aber die besonders radikale Position der Queer Theory bei der Dekonstruktion von Sex (im Butlerschen Sinn). Diese würde von den anderen Disziplinen nicht in diesem Ausmaß geleistet werden.

Von Butches und femmes

Nicht zuletzt hat sich queer auch als eine Bezeichnung für subkulturelle homosexuelle Lebenswelten etabliert. Unter queer ist ein Lebensgefühl/-stil gemeint, in dem die Überzeugung von der Performativität von Geschlechter(rollen) auf unterschiedlichste Weise ausgelebt wird. Ins Zentrum des Interesses treten Individuen, deren Geschlechtlichkeit (sowohl sex- als auch genderbezogen) nicht eindeutig zuzuordnen ist. Selbstbezeichnungen von Lesben als "butches" und "femmes", Inszenierungen als "Tunten" oder Travestie-DarstellerInnen zeugen vom Performanzcharakter von Geschlecht. Das gute daran: Solche Praxen sind nicht ausschließlich dem "Label" Homosexualität vorbehalten, sondern stehen all jenen frei, die binäre Geschlechterkategorien deutlich in Frage stellen (wollen). (freu)

Literatur

Queer denken
herausgegeben von Andreas Kraß
Edition Suhrkamp
ISBN: 3518122487

Der Sammelband enthält Grundlagentexte der Queer Studies u.a. von Gayle S. Rubin, Teresa de Lauretis, Judith Butler und Eve Kosofsky Sedgwick

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