"Superleute aus den Beitrittsländern holen"

20. September 2004, 12:48
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Abwanderung von Forschern nur durch Attraktivierung des Standortes zu stoppen

Mobilität ist ein Segen. Aber auch ein Hund. Denn je mobiler und reiselustiger sie sind, desto schneller sind sie weg, die klugen Köpfe. Verliert eine Region dauerhaft zu viele Forscherinnen und Forscher, wird dies zur Gefahr für einen Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort, attestiert Anneliese Stoklaska von der Abteilung internationale Beziehungen im Bildungsministerium bei den diesjährigen Technologiegesprächen in Alpbach.

In dieser Falle befänden sich die klassischen Emigrationsländer in Südosteuropa, insbesondere das frühere Jugoslawien und Bulgarien, waren sich die in Alpbach versammelten Experten einig. Um die Abwanderung qualifizierten Personals zu stoppen, gibt es zwei Mittel: Wirtschaftswachstum, das den Lebensstandard hebt, und die Verbesserung der Infrastruktur, sagt Michael Daxner, karenzierter Professor an der Uni Oldenburg, der für die UNO 2000 bis 2002 im Kosovo war und die österreichische Regierung in Fragen der Hochschul-und Wissenschaftspolitik in den Balkanländern berät. Zuletzt war er für die deutsche Regierung in Afghanistan unterwegs.

"Brain-Drain"

Ein "Brain-Drain" ist freilich nicht nur bei den Beitrittskandidaten und den südosteuropäischen Ländern im Gang, sondern auch in Österreich. Mangelnde Karriere-und Verdienstmöglichkeiten, unzureichende internationale und interdisziplinäre Vernetzung und die schlechte Ausstattung der Unis sind nur einige Faktoren, die Österreich im Wettbewerb der Forschungsstandorte unattraktiv machen. Restriktive Einreise-und Visamodalitäten stellen zusätzliche Barrieren dar.

Da Österreich zu klein sei, um mit eigenständigen Strukturen eine kritische Masse zu erreichen, sollte es expandieren, Kooperationen suchen und sich vernetzen, rät Daxner im STANDARD-Gespräch. "Wenn wir nicht das 17. Bundesland von Deutschland sein wollen, müssen wir gegenüber den Beitrittsländern, Südosteuropa und der Türkei eine partnerschaftliche Führungsrolle einnehmen." Das sei keine Frage des Geldes, denn Österreich habe im Bereich Wissenschaft überhaupt keinen Grund zu sparen, sagt Daxner in Anspielung auf den Sparkurs der Regierung, der heuer geringere finanzielle Mittel als im Vorjahr vorsieht.

Rückholaktion

Wenig abgewinnen kann Daxner der von Infrastrukturminister Hubert Gorbach und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer angekündigten Rückholaktion für im Ausland tätige österreichischer Forscher. Nicht, weil diese hier niemand brauche, sondern weil diese hier nicht annähernd so gute Bedingungen vorfänden, wie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

"Die Rückholaktion hat einen großen Haken: Die Bedingungen werden dabei nur individuell verbessert. Ziel muss es aber sein, die Ausstattung generell zu verbessern", meint Daxner. Und: "Ist das einmal geschafft, muss ich nicht Österreicher von irgendwo zurückholen, sondern kann mir auch Superleute aus den Beitrittsländern holen." Was die Szene zugleich internationaler machen würde.

Gorbach und Gehrer hingegen wollen die drohende Forscher-Lücke in Österreich - jährlich fehlen rund 900 - verkleinern. Im Rahmen des Projekts "Brain Power Austria" soll Forschern die Rückkehr erleichtert werden. Kommt alles wie geplant, übernimmt das Ministerium zwei Drittel der Kosten (450.000 Euro), den Rest die Unternehmen, die die Forscher einstellen wollen. (Luise Ungerboeck, Der Standard, Printausgabe, 25.08.2003)

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