Ein Zentrum mit Ablaufdatum

20. September 2004, 12:48
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Noch entscheiden sich IT-Konzerne für Österreich als Standort - bald könnte es wegen hoher Lohnneben- und Infrastrukturkosten anders sein, und eine Abwanderung nach Budapest oder Prag wäre möglich.

Österreich als Standort für die Zentral- und Osteuropageschäfte der internationalen IT-und Telekommunikationsbranche: Bereits jetzt ist es nicht ganz leicht, die Vorteile intern zu kommunizieren, sagt Walter Becvar, Österreich-Chef des Telefonie-Anbieters Tenovis. Die Körperschaftssteuer sei hierzulande einfach zu hoch, auch die Lohnnebenkosten und die Infrastrukturkosten seien zum Beispiel in Budapest oder Prag deutlich niedriger.

Warum Wien dennoch seit Oktober des vergangenen Jahres Zentrum der Konzernaktivitäten für Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Slowenien ist, obwohl die Alternativen "intensiv diskutiert" wurden, habe eigentlich ganz andere Gründe: Man habe sich für Österreich vor allem aus traditionell-kulturellen Gründen entschieden. Auch die guten Umsatzwerte des Stand- ortes im Ländervergleich hätten für die Alpenrepublik gesprochen.

Standort mit Tradition

Becvar appelliert an die öffentliche Hand. Er hält steuerliche Verbesserungen für dringend notwendig, "weil Österreich ansonsten relativ bald viele internationale Konzernzentren verlieren wird." Christian Arbeiter von SAP glaubt freilich, dass Kostenüberlegungen dieser Art vielleicht zu kurzsichtig sein könnten. Der deutsche Softwareriese hat in Wien das Area Management für Osteuropa und die Schweiz angesiedelt und geht hier auch Forschungspartnerschaften ein - etwa mit dem E-Commerce Competence Center EC3.

Der Standort sei somit gewachsen und gefestigt aufgrund von positiven Erfahrungen, heißt es. Was laut Arbeiter nicht gegen eine Regionalisierung in den osteuropäischen Ländern spreche. In Sachen Vertrieb und Beratung sei das sogar unausweichlich. "Aufgrund der natürlichen Barrieren in Sprache und Mentalität." Nicht immer könne man mit gutem Englisch alle Verständigungsprobleme überbrücken.

Diese Ansicht vertritt auch Wolfgang Köstler vom Unternehmensberater IDS Scheer Plaut Austria, der ebenfalls von Wien aus Zentral- und Osteuropabelange organisiert. "Der Verkauf muss immer die Sache eines lokalen Projektteams sein." Auch ein regionales Spezialwissen über die Rechnungswesen-Software sei nötig, weil man sich da immer nach der jeweiligen landesspezifischen Gesetzgebung zu richten habe. Ansonsten könne es selbstverständlich ein Team der besten Köpfe egal welcher Nationalität geben.

Womit die Grenzen zwischen Österreich und Osteuropa, was die Zusammenstellung von internationalen Projektgruppen in der Informationstechnologie oder Telekommunikation betrifft, schon lange aufgehoben sind. Zumal die Ausbildung in Beitrittsländern wie Tschechien, Slowakei und Ungarn um nichts schlechter sei als hierzulande. Außerdem: "Die Frage des rechtlichen Dienstortes", wie es Wolfgang Monghy von Kapsch BusinessCom ausdrückt, werde ohnehin immer weniger relevant. Die Gründe liegen für ihn in der zunehmenden Flexibilität der Mitarbeiter und in den "technologischen Möglichkeiten eines mobilen Arbeitsplatzes." (red, Der Standard, Printausgabe, 12.01.2004)

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    foto: derstandard.at
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