Alle zwanzig Minuten wird in Österreich eingebrochen

2. April 2004, 11:44
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95 Prozent aller Österreicher sind der Meinung, dass die Sicherheit im Lande abgenommen hat - die Überwachungsbranche boomt

95 Prozent aller Österreicher sind der Meinung, dass die Sicherheit im Lande abgenommen hat. Für private Sicherheitsunternehmer sind steigende Kriminalität und Einsparungen bei der Exekutive gut fürs Geschäft. Immer mehr Firmen bieten biometrische Kontrollsysteme an.

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"Guten Tag Herr Maier, was kann ich für Sie tun?" Man muss kein Herminator sein, um von wildfremden Menschen erkannt und angesprochen zu werden. Zu unerwarteter Popularität kann auch ein biometrisches Videoüberwachungssystem verhelfen. Wie das funktioniert, kann derzeit bei der Aktion "Gesichtserkennung" im Rahmen der Fachmesse "Austro Sicherheit 2004" im neuen Wiener Messezentrum getestet werden.

Die private Sicherheitsbranche boomt, und das hat sowohl globale als auch regionale Ursachen: terroristische Bedrohungsszenarien und die explodierende Zahl von Eigentumsdelikten. Alle zwanzig Minuten wird in Österreich in eine Wohnung oder in ein Geschäft eingebrochen, pro Stunde werden durchschnittlich drei Mobiltelefone gestohlen, jeden Tag werden zwischen Boden- und Neusiedler See zehn Überfälle angezeigt. Laut Verband der Versicherungsunternehmer hat der Gesamtschaden durch Einbruchsdiebstähle im Vorjahr erstmals das Prämienvolumen durchbrochen.

Keine Garantie mehr

Kein Wunder also, dass auch das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung schwer beeinträchtigt ist. In einer Umfrage, deren Ergebnisse am Dienstag vom Verband der Sicherheitsunternehmer Österreichs (VSÖ) präsentiert wurden, gaben 95 Prozent an, dass Sicherheit "nicht mehr so wie bisher garantiert ist". Aber nur ein Viertel der Befragten denken daran, private Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

Trotzdem: Das Geschäft mit der Sicherheit geht gut. Die vier größten Anbieter des Landes - Group 4 Falck, Österreichischer Wachdienst, Securitas und siwacht - beschäftigen rund 5600 Mitarbeiter und haben einen Jahresumsatz von 180 Millionen Euro.

Biometrische Kontrollsysteme sind der Renner im Geschäft mit staatlichen Auftraggebern oder Großkunden. Das bei der Fachmesse ausgestellte System "ZN-SmartEye" filmt Gesichter per Videokamera und berechnet dabei jeweils mehr als 2000 Merkmale. Das komplexe System lässt sich laut Hersteller auch nicht von Perücken oder aufgeklebten Bärten täuschen.

Pannen im Parlament

Die Technik wird bereits im Verteidigungsministerium, bei Austro Control und auch im Parlament als Zugangskontrolle eingesetzt. Und zwar ausgerechnet beim Eingang der Grünen, die sich vergeblich dagegen gewehrt hatten. Alle Abgeordneten, die hier hineinwollen, müssen zuerst in die Sicherheitsschleuse, dort ihre Spezialausweise einlesen lassen und ihre Gesichter einer Kamera zuwenden.

Dabei komme es aber sehr wohl häufig zu Pannen, berichtet Dieter Brozs, Bildungssprecher der Grünen, dem STANDARD. Schon ein größerer Rucksack reiche und die Computerstimme verkünde: "Sie sind nicht autorisiert". Dann bleibt nur der Druck aufs Alarmknöpfchen, worauf sich der Portier meldet und schließlich die Sicherheitsschleuse öffnet. Da der Eingang der einzige Behinderteneingang ins Parlament ist, komme es zudem immer zu Fehlalarmen, wenn Rollstuhlfahrer ins Hohe Haus wollen, kritisieren die Grünen.

Ein anderes Biometrieverfahren präsentiert die deutsche Firma RTC aus Duisburg: Infrarot-Scanner überprüfen das Venenmuster des Handrückens. Die Neuheit stammt aus Südkorea und wird als "hygienischer als Fingerabdrucksysteme" und "billiger als Gesichtserkennung" angepriesen.

Auf Skepsis stoßen die umfassenden Überwachungspläne von Innenminister Ernst Strasser (VP). Herbert Metzler von der Kriminalabteilung Vorarlberg sagte, die von Strasser geplanten Schutzzonen vor Schulen seien kaum realisierbar. Der Kriminalist plädiert eher für Kameras in Schulhöfen. (Michael Simoner /DER STANDARD; Printausgabe, 31.3.2004)

Die Messe "Austro Sicherheit" steht am Mittwoch auch einem interessierten Laienpublikum offen.
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