Der Blues als Maschine

1. April 2004, 19:24
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Autoren-House und Liedermacher-Techno: Die bayerische Band Freiwillige Selbstkontrolle gastiert am Donnerstag in Wien

Die bayerische Band Freiwillige Selbstkontrolle um Schriftsteller Thomas Meinecke führt auf dem Album "First Take Then Shake" und live in Wien den Sound der Motorstädte München und Detroit im Sinne von Autoren-House und Liedermacher-Techno zusammen.


Wien - Für die Rolling Stones fungierten einst schwarze Männer wie Robert Johnson als Vorbilder. Dementsprechend retrospektiv richteten sie ihre Kunst immer aus. Etwas Besseres kommt nicht nach. Auch afroamerikanische House- oder Techno-DJs haben in den letzten Jahrzehnten gern zurückgeblickt. Im Gegensatz zum weißen Rock steht "Black Music" aber kaum für Brauchtumspflege.

Schwarze DJ-Kultur und selbst noch heutige Produzenten im Spannungsfeld zwischen HipHop, R'n'B und Turbokapitalismus wie Timbaland oder die Neptunes haben sich über ihr Quellenstudium elektronischer Musik schließlich immer schon auf die deutschen Futurismus-Romantiker Kraftwerk berufen.

Es geht nicht darum, aus der Gegenwart in die Vergangenheit zu reisen, sondern von dort aus in die Zukunft. Die Haltestelle Jetzt dient dabei nur zur kurzen Orientierung. Historische Präferenzen und Bezugssysteme bilden hier eine je nach Geschmack verfahrene bis hochinteressante Situation, in der sich ein Mann wie Thomas Meinecke schriftstellerisch wie auch seit gut einem Vierteljahrhundert als Radiomacher beim Bayerischen Rundfunk und als Musiker mit seiner Münchener Band Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.) les- und hörbar am wohlsten fühlt.

Spätestens seit dem transatlantischen Verwirrspiel um den zweifelhaften Begriff "Authentizität" und die "Heimholung" der Polka aus tschechischen und deutschen Enklaven in Texas als großes bastardisiertes Missverständnis auf den F.S.K.-Alben Son Of Kraut und Sound Of Music Mitte der 90er-Jahre ist das künstlerische Interesse von Meinecke relativ klar formuliert.

Science und Fiction

Speziell auch, wenn man sich in Folge die Beschäftigung der Band mit Techno und elektronischer Musik auf den Arbeiten Tel Aviv und zuletzt X vergegenwärtigt. Der Widerspruch, die Unvereinbarkeit, das historische Missverständnis, das Spiel mit Vorformuliertem, mit Zitaten aus "Science" wie "Fiction", dieses uneigentliche Sprechen macht deutlich, dass es hier nicht um Ausschließung divergierender Elemente, sondern laut eigener Aussage um die "Addition von Partialeigenschaften" geht.

Thomas Meinecke im Interview mit dem STANDARD im April 2002, anlässlich seines jüngsten, bei Suhrkamp erschienenen Romans Hellblau, in dem er unter anderem bereits jene Problemstellungen leseprozesshaft sichtete, die nun auf dem Album First Take Then Shake, F.S.K. Meets Anthony "Shake" Shakir praktisch untersucht werden: "Schwarze Musik und der Gedanke des Wahrhaftigen ist ein Thema, das sich aus sich heraus niemals selbst rechtfertigt. Leute wie mich macht das ja immer schon glücklich, dass schwarze Musik doppelt gelesen, quer gelesen und das Ganze noch mal gegen den Strich rezipiert wird. Dazu kommen in der Geschichte des Funk dann afrofuturistische Konzepte wie jenes vom 'Weltraum' etwa bei Parliament oder Unterwasser-Utopien beim Detroiter Techno-Duo Drexciya. Dazu kommt noch, dass für Leute in Detroit der weiße Roboter-Sound von Kraftwerk als nächste Stufe von Future-Sound herhält."

Die "posthumane" Kunst von Kraftwerk erfährt eine Radikalisierung durch Drexciya als utopisches Modell für eine schwarze Zukunft, die ohne die abendländische, männlich bestimmte Tradition und deren Gefühlsrepertoire auskommen soll.

F.S.K. haben sich auf First Take Then Shake einmal mehr transatlantisch ausgetauscht. Die in Deutschland als organische Band eingespielten Bänder wurden nach Detroit zum legendären afroamerikanischen Techno- und Houseproduzenten Anthony "Shake" Shakir geschickt. Der zerlegte das Material nach eigenem Gutdünken und montierte es zuletzt wieder gemeinsam mit den Musikern in Deutschland zusammen.

Eine analog arbeitende Band wird digitalisiert und grob verfremdet, um sich jetzt live auf Tournee der organischen Neuinterpretation ihrer Datenbanken zu widmen. Die Welt ist sehr verwirrend. Aber tanzbar ist sie auch: "Was Robert Johnson für die Rolling Stones, war Kraftwerk für den Motorcity-Sohn. Im afrogermanischen Widerschein will der Blues eine Maschine sein." (DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2004)

Von
Christian Schachinger

F.S.K. live:

1. 4., 21.00

1010 Wien, Flex,

  • Der Detroiter Technoproduzent Anthony "Shake" Shakir (Bildmitte), Thomas Meinecke (Zweiter von rechts) 
und die Freiwillige Selbst- 
kontrolle vor der Zentrale von BMW. Motorcity Munich!
    foto: disko b

    Der Detroiter Technoproduzent Anthony "Shake" Shakir (Bildmitte), Thomas Meinecke (Zweiter von rechts) und die Freiwillige Selbst- kontrolle vor der Zentrale von BMW. Motorcity Munich!

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