Mit dem Schuh auf Du und Du

4. April 2004, 20:49
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Porträts, Psychogramme, Zustandsbeschreibungen macht Birgit Jürgenssen am Gegenstand Schuh fest

Wien - "Die mit den Schuhen" wollte sie nicht werden. Außerdem war das ja in den Augen ihrer Kollegen alles keine "richtige" Kunst, das mit den Schuhen. Und so gab sie, Birgit Jürgenssen, ihre rund um das Thema in den 70ern entstandenen Zeichnungen und Objekte unter Verschluss. Und arbeitete, wie ihr enormes Lebenswerk beweist, in unterschiedlichsten Facetten weiter an der langen Geschichte, die da handelt von Machtkonstellationen, von Selbstbestimmung, Festmachung und Auflösung.

"Ich suchte nach einem neutralen Gegenstand, der jedem vertraut war", beschrieb es Jürgenssen in einem Interview im Mai 2003 (Kunstforum International): "Schuhe schienen mir geeignete Objekte zu sein, um meinen erotischen und zynischen Fantasien und allen anderen Interpretationsmöglichkeiten freien Lauf zu lassen."

Traurig nur, dass eine Ausstellung nun erst nach dem Tod der Künstlerin passiert - sie starb vorigen September 54-jährig. Wunderbar, dass die vorliegende Schau in der MAK-Galerie überhaupt passiert. Und es ist klug, dabei allein Jürgenssens reicher Schuh-Sprache zu folgen. Sie ist zuweilen den 70ern verhaftet, mit surrealer Yellow-Submarine-Ästhetik, gewitzten Sprachspielen und ins Bild gesetzten Redensarten: Unter dem Riesenpantoffel muss sich tatsächlich ein Mann bücken.

Und es ist noch was: Body-und Gender-Debatte rund um Pantoffelhelden und Stiefelknechte, früh festgemacht am Fetisch Schuh. Der ja, glaubt man der (Vulgär-)Wissenschaft, wie der Strumpf als Symbol der weiblichen Genitalien gilt. Wenn Valie Exports Foto "Genitalpanik" ein wesentliches Bild der österreichischen feministisch orientierten Kunst ist, dann gilt Jürgenssens Foto, auf dem sie in Strumpfhosen auf zwei hohen Stöckeln sitzt, als ein Pendant.

Es sind Porträts, Psychogramme, Zustandsbeschreibungen, die Jürgenssen am Gegenstand Schuh festmacht. "Schuhe sind ... ein Stück unserer Identität, Abbild unserer Persönlichkeit, Spiegel unserer Träume und Sehnsüchte", schreibt Franz Josef Görz in seiner Anthologie über "Poetisches Schuhwerk". Schuhe geben Sicherheit und Halt: "Der Schuh weiß, wo der Strumpf Löcher hat", heißt ein Sprichwort.

Da bringt Jürgenssen die Küche im Herdschuh unter, der Muskelschuh ist ganz Fleisch. Der große Sesselschuh, ein früher Ankauf des MAK, ist verwirklichtes Traum-Fetisch-Möbel. Der Rostschuh verfällt zusehends, Matratzen dienen als Fußbett für eine Art Bettschuh. Fußspuren folgen wir bei den lebenden, mit Kressekeimen bestreuten Schuhen, die zu Biomasse mutieren. In unmittelbarer Nähe dazu zeugt eine Auswahl von Jürgenssens persönlichen, extravaganten Schuhen maka,ber und trotzdem sich fügend, von der unverwechselbaren Künstlerinnenfigur - und deren Präsenz weit über den Tod hinaus. (Doris Krumpl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 3. 2004)

Ausstellung "Schuhwerk. Subversive Aspects of Feminism" von Birgit Jürgenssen, MAK-Galerie, 1010 Wien, Stubenring 5

17. März bis 6. Juni, Di 10 - 24 Uhr, Mi - So 10 - 18 Uhr
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