"Jesus, du weißt": Glaube, Liebe – Hoffnung?

15. Juli 2004, 11:00
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Enger Rahmen als symbolische Form für eine Institution: Ulrich Seidls Filmessay "Jesus, du weißt"

Wien - "Jesus, sprich durch uns, führe uns und berühre die Zuschauer, Amen."

Die ersten Gebete in Ulrich Seidls Jesus, du weißt gelten dem Gelingen des Films. Frontal und starr steht die Kamera den Menschen in der Kirche gegenüber, womit nicht nur Gott, sondern auch der Filmemacher - und darüber die Zuschauer - adressiert werden.

Seidl nutzt ein vorgegebenes Setting, um den Gläubigen möglichst nahe zu kommen. Er wirft einen privilegierten Blick auf ein ansonsten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindendes Ritual. Vom katholischen Glauben soll Zeugnis abgelegt werden - das will der Regisseur Seidl so, und seine Protagonisten erfüllen ihm diesen Wunsch, weil es auch Jesus will.

Jesus, du weißt - vergangenes Jahr mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnet - ist eine TV-Auftragsproduktion, die nun, nach großen Festivalerfolgen, auch ins Kino kommt. Gleich zu Beginn liegt die Analogie zum Fernsehen nahe, wenn eine Frau erzählt, dass ihr Mann zu viel Zeit mit dem Konsum von Talkshows verbringt. Um Bekenntnisse und Geständnisse privater Nöte geht es auch bei Seidl - allerdings mit dem Unterschied, dass sich die Menschen hier Gott offenbaren.

Im sparsam gesetzten Gegenschnitt sieht man kein Publikum, sondern Jesus am Kreuz. Es sind zum einen gänzlich profane Sorgen, die in der Zwiesprache mit Gott ausgesprochen werden: Ein Jugendlicher bittet um Vergebung, dass er über TV-Serien seine erotischen Begierden befriedigt. Oder davon träumt, Old Shatterhand zu sein.

Andere Gebete werfen jedoch ganz grundsätzliche Fragen des Glaubens auf: Etwa ein älterer Mann, der nach den höheren Motiven sucht, warum er als Kind so oft misshandelt wurde. Seidl geht es jedoch nicht so sehr um Gottesbeweise als um das Mitvollziehen von religiösem Sprechen. Er folgt dabei einer Dramaturgie, die sich eher an den Figuren orientiert, wenn deren Gebete sukzessiv Einblick in Lebensgeschichten geben.

Leben in "Serie"

Die Erzählung einer Pensionistin, die den Verdacht hegt, dass sie von ihrem Mann betrogen wird, vermittelt sich etwa als Miniserie. Das Leben schreibt eben die besseren Soap-Operas. Die Frau berichtet Jesus von ihrem Plan, sich zu rächen, und als sie ihn durchgeführt hat, kehrt sie reumütig zurück.

Szenen außerhalb der Kirche beschränken sich dagegen auf ein Mindestmaß. Sie zeigen die Menschen in den für Seidl charakteristischen Tableaus, stumm, aber in motorischen Wiederholungen auf eine bestimmte Tätigkeit ausgerichtet - ob beim Bügeln oder beim Tischtennisspiel: womit ein wenig der Anschein erweckt wird, dass sie sich kaum aus ihren Lagen zu befreien vermögen.

In der sprachlichen Verhandlung vor Gott wirken die Personen dagegen offener: Besonders manifest wird das an einem jungen Paar, von dessen unmöglicher Liebe man in zwei Monologen erfährt. Ihre Gebete sind wie ein Gespräch, das über eine dritte Instanz führt, die zwischen ihnen steht: die Liebe zu Gott. Die Liebe und die Entscheidungen, die sie einem abverlangt, ist das durchgängige Thema des Films. Und die Aufrichtigkeit, mit der die Menschen davon erzählen, gibt Seidls Arbeit eine unübliche Qualität. Der enge Rahmen seiner Arbeiten erscheint hier als symbolische Form für eine ganze Institution. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 3. 2004)

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    foto: filmladen
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