Buchkritik: Zerstörte Illusionen

5. April 2004, 19:28
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Ein Roman über Bordell und Oberschicht

Michel Faber versetzt in seinem Roman "Das karmesinrote Blütenblatt" den Leser in das London der Zeit um 1875, wo er einer außergewöhnlichen 19-jährigen Prostituierten namens Sugar begegnet, die seit Kindertagen im Bordell ihrer Mutter arbeiten muss. Dort schreibt sie, zwischen den Besuchen ihrer Freier, ihren eigenen Roman, in dem sie in der Rolle einer Prostituierten Männer verführt und qualvoll ermordet.

Sugars Träume scheinen endlich in Erfüllung zu gehen, als der Fabrikantensohn William sie freikauft, zur Geliebten nimmt und als Gouvernante seiner Tochter einstellt. Doch Sugar muss erkennen, dass auch das vornehme, bürgerliche Leben der Oberschicht seine Schattenseiten birgt. Faber beherrscht das Spiel, den Leser ständig zwischen Anti- und Sympathie schwanken zu lassen, perfekt.

Ironisch und detailliert wird der aussichtslose Überlebenskampf der Londoner Huren und das verkommene, bigotte Leben der Bourgeoisie beschrieben. Sozialkritik kommt nicht zu kurz. Die bildreiche und brutale Sprache, die mit der Fantasie des Lesers kokettiert, zieht in ihren Bann. Es empfiehlt sich, den Roman zu lesen, bevor man ihn sich als Kitschmassaker auf der Leinwand anschaut. (marie)

Michael Faber: "Das karmesinrote Blütenblatt", List Verlag, 24,90 €
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