Ein schwer durchdringbares Volksstück

21. April 2004, 14:18
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Die Estag-Saga: Misswirtschaft, Netzwerke, Parteipolitik, ein gefeierter, aber fragwürdiger Aufdecker, Intrigen und Feindschaften

Graz – In den Zentralen der steirischen Landtagsparteien werden in diesen Stunden kiloweise alte Akten durchforstet – in der Hoffnung,‑ noch letzte Munition für die entscheidende Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Causa Estag am Donnerstag, zu der die gesamte Regierungsspitze von ÖVP, SPÖ und FPÖ geladen ist, aufzufinden. Dabei wurden nun tatsächlich einige durchaus brisante Dokumente gefunden. Dokumente, die aber belegen, dass sich in dieser Causa niemand im Land entspannt zurücklehnen kann. Aus vertraulichen Protokollen der Landesregierung, die dem STANDARD vorliegen, geht zweifelsfrei hervor, dass die gesamte Landesregierung, alle Mitglieder der ÖVP, SPÖ und auch FPÖ, über den Zustand der Energie Steiermark AG stets detailliert Bescheid wussten.

"Dank und Anerkennung" statt Alarmglocken

Noch im April 2003, bevor die öffentliche Debatte um das steirische Leitunternehmen losbrach, hielten die Regierungsmitglieder aller Parteien einen knapp 30-seitigen Lagebericht samt Bilanzdaten in Händen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die Alarmglocken läuten müssen. Bei allen. Hingegen wurde dem Estag-Vorstand in einem gemeinsamen Schriftstück "für die erbrachten Leistungen Dank und Anerkennung" ausgesprochen.

Dann kam Hirschmann

Dann kam Hirschmann, der in den Stromkonzern gewechselte ÖVP-Landesrat. Er krachte aber bald mit dem alten Vorstand zusammen, der ihn ständig sachlich auflaufen ließ. Er drehte den Spieß um und geißelte öffentlich die Konzernpolitik – die er allerdings bei seinem Eintritt in die Estag noch goutiert hatte. Das außergewöhnlich hohe Vorstandssalär etwa, den teuren Umbau der Zentrale, den er anfangs mittrug, oder die Firmenbeteiligungen der Estag. Hirschmann wollte ja sogar eine eigene "Steiermärkische Tourismus- und Investitions AG" ins Unternehmen einbringen und somit das Estag-Geschäftsfeld weiter ausdehnen. Bis hin zu einer "Styrian Air" lagen die Pläne vor – die sich dann zerschlugen. Später – mit Unterstützung der regionalen Medien – kritisierte er den "Bauchladen" der Estag. Was trieb Hirschmann zu diesem widersprüchlichen Handeln?

Skurriles Fiasko

Vieles an diesem Estag-Fiasko bleibt weiter skurril und nebulos und wird vielleicht im U-Ausschuss erhellt. Ein Opfer steht jedenfalls schon fest: Die Landeshauptmannpartei ÖVP ist mit dem innerparteilichen Konflikt um ihren "Sohn" Gerhard Hirschmann in ihre bisher schwerste Krise gestürzt. (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe, 31.3.2004)

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