Also sprach Peter der Weise

26. Oktober 2003, 09:30
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Er hat schon so viel und in so vielem gespielt, also warum nicht auch in einem Film über Martin Luther? Peter Ustinov im STANDARD-Interview

Peter Ustinov verkörpert darin Friedrich den Weisen, den Beschützer des Reli-gionsstifters. Im Gespräch mit Arnd Brummer und Ariane Heimbach verkörpert er hauptsächlich Ustinov.


Geboren 1921 in London, Theaterunterricht mit 16, Schauspieler, Regisseur, Maler, Bühnenbildner, Conférencier, Stückeschreiber, Prosaautor, Drehbuchschreiber, Operninszenierer, Karikaturensammler, Kabarettist und "praktizierender Europäer". Das mag fürs Erste genügen, um Peter Ustinov zu beschreiben. Anlässlich seiner neuesten Filmrolle hat er sich, nicht ungern, einige weitere Facetten entlocken lassen.

Sir Peter, am Frühhimmel Ihrer Filmkarriere stand ein Christenverfolger: Nero im Film "Quo vadis". Jetzt, im Herbst einer Weltkarriere, spielen Sie im Film "Luther" Friedrich den Weisen, den Retter des Reformators. Ist es ein historischer Zufall, dass Sie immer wieder mit solchen Themen in Berührung kommen?

Sir Peter Ustinov: Das weiß ich nicht. Ich habe in meinem Leben so viele Rollen gespielt. Mörder, Ganoven, Detektive. Aber meinen Großvater hätte es natürlich sehr interessiert, dass ich nun Luthers Retter spiele. Mein Großvater war Kavallerieoffizier in Russland. Er ritt auf einem Pferd, das ihm sein Vater, ein äußerst zügelloser Mann, geschenkt hatte. Leider hatte das Pferd dieselbe Weltanschauung wie mein Urgroßvater, und während des Manövers warf das Pferd meinen Großvater hinunter. Er musste ein Jahr lang auf einem Brett liegen wegen seines Rückens. In Saratow, wo sich seine Güter befanden. Auf der anderen Seite der Wolga lag damals die deutsche Wolgarepublik. Eines Tages kam ein Pfarrer herüber mit einer sehr hübschen Tochter. Und da verliebte sich mein liegender Großvater in diese Dame und wurde Protestant, um sie heiraten zu können.

Sehen Sie Luther als typisch deutsche Figur?

Ustinov: Nein. Aber das Interessante an ihm ist, dass er die ganze Reformation angefangen hat, weil er dachte, dass die Leute in Rom nicht katholisch genug waren. Und das ist meiner Meinung nach das Paradox. Was er dachte, war wirklich höchst intelligent und höchst modern. Ich fühle mich in seinem Denken sehr zu Hause - obwohl ich nicht religiös bin.

Sie sind ein Agnostiker?

Ustinov: Es ist gut, dass Sie das fragen. Wenn man mich fragen muss, was ich glaube, ist das ein gutes Zeichen, denn es zeigt sich nicht einfach in meinem Verhalten, was ich glaube. Man sollte einen Menschen nach seinem Verhalten beurteilen und nicht nach dem, was er denkt. Deshalb ist ja auch die ganze Inquisition lächerlich. Die haben Leute getötet und gefoltert, nur weil sie das Falsche dachten. Glaube ist eine zutiefst persönliche, innerliche Angelegenheit. Niemand weiß, wie Gott aussieht. Da mache ich mir lieber meine eigenen Vorstellungen, als dass sie mir ein Agent vermittelt. Sie haben mal gesagt, "je älter man wird, desto mehr merkt man, dass die Seele wahrscheinlich unsterblich ist. Der Körper geht aus dem Leim, aber die Seele hat sich nicht wirklich verändert." Ist das Ihr Glaubensbekenntnis?

Ustinov: Ja. Ich glaube natürlich daran, dass die Seele existiert. Und wenn etwas ewig ist, wird es die Seele sein. Momentan glaube ich allerdings, dass nichts ewig ist. Aber ich bin bereit, jeden Augenblick erstaunt zu sein. Ich finde, Thomas ist eine der rührendsten Figuren der ganzen Bibel.

Weil der so genannte "ungläubige Jünger" erst die Wundmale Jesu berühren musste, bevor er an die Auferstehung glauben konnte?

Ustinov: Ja, er war skeptisch.

Interessieren Sie sich für Bibelgeschichten?

Ustinov: Natürlich interessiert mich die Bibel. Aber noch spannender finde ich den Papst. Ich habe ihn wirklich sehr gern. Auch wenn ich nicht alle seine Ideen teile. Das spielt keine Rolle. Man hat viele Freunde, die nicht derselben Meinung sind. Was ich an dem Papst schätze, ist, dass er versucht, innerhalb seines Glaubenskorsetts ökumenisch zu sein. Man muss ihm nur dabei zusehen, mit welcher Willensstärke er Erzbischöfe küsst, die aus einer ganz anderen Kirche kommen.

Er hat ja auch das legendäre Weltfriedensgebet in Assisi organisiert mit den Oberhäuptern der unterschiedlichsten Religionen, unter anderem dem Dalai-Lama.

Ustinov: Ja, genau. Der Dalai-Lama ist dem Papst noch einen Schritt voraus in seinen Ideen, finde ich. Ich kenne ihn sehr gut. Er sagt immer: Bleiben Sie bei Ihrem eigenen Glauben. Wer den Weg des Glaubens geht, kommt am Ende schon am richtigen Ziel an.

Zu Ihrer Rolle im Luther-Film: Hatte Friedrich der Weise eigentlich zu diesem Professor aus Wittenberg einen theologischen Zugang oder eher ein Verhältnis wie zu einem Popstar?

Ustinov: Ich glaube, dass er nicht wusste, wie wichtig Luther war. Aber er mochte die George-Bush-Typ-Methoden nicht, die der Vatikan benutzte, um sich seiner Feinde zu entledigen.

Luther wird in dem Film als ein von Zweifeln zerrissener Mensch gezeigt. Sie haben den Zweifel einmal als Antriebsfeder des menschlichen Existierens gewürdigt.

Ustinov: Ja, der Zweifel einigt die Menschen, und die Überzeugung trennt sie.

Es gibt einen evangelischen Theologen, der sagt: Gut gezweifelt ist halb geglaubt.

Ustinov: Auch nicht schlecht. Aber es ist komisch, dass die Theologen, die uns beim Film beraten haben, so stark bezweifelt haben, dass Friedrich der Weise und Luther sich je getroffen haben. Ich habe gesagt: Es muss eine Szene geben, wo sie sich treffen. Der Augenblick, als er die Übersetzung der Bibel ins Deutsche von Luther geschenkt bekommt, ist der Höhepunkt ihrer Beziehung. Da versteht Friedrich der Weise sofort, dass er Luther nicht mehr verteidigen muss. Von dem Moment an, als alle die Bibel lesen können, verliert Rom sein lateinisches Monopol darauf.

Da haben Sie zusammen mit dem Luther-Darsteller Joseph Fiennes eine Szene ausgeknobelt.

Ustinov: Genau. Ich fand das sehr wichtig. Ich habe die Theologen gefragt: Warum glauben Sie nicht, dass sich die beiden begegnet sind? Und sie: Das steht nirgends, dass sie sich getroffen haben. Da habe ich erwidert: Halten Sie es denn für möglich, dass ich eine Beziehung zu Doktor Hans Küng in Tübingen habe? Und die Theologen: Nein, ist doch eine ganz andere Welt. Und ich sage: Ich war Präsident eines Unesco-Treffens in Valencia, und er war ein Delegat. Und wir haben uns lange gestritten und sind Freunde geworden. Das war auch nirgends zu lesen. Heißt das, dass wir uns deshalb nicht getroffen haben?

Sie sind auch Präsident der Organisation der Weltföderalisten, einer Vereinigung von Kosmopoliten . . .

Ustinov: . . . das ist auch das Sekretariat von allen Nichtregierungsorganisationen, die für einen Internationalen Gerichtshof gekämpft haben.

Und Amerika schließt jetzt bilaterale Verträge mit Kambodscha . . .

Ustinov: . . . um das zu verderben. Aber der Weltgerichtshof existiert. Man kann ihn uns nicht mehr nehmen.

Sie haben in Budapest ein Institut für Vorurteilsforschung gegründet. Womit beschäftigt man sich dort?

Ustinov: Ich habe gerade mit zwei Mitarbeitern ein neues Buch geschrieben: "Achtung! Vorurteile". Es geht zum Beispiel darum, dass Babys ganz ohne Vorurteile geboren sind. Die Vorurteile kommen erst später ins Leben. Durch drei Instanzen, die von allen sehr gelobt werden: die Familie, die Kirche und die Schule.

Aus welchen persönlichen Motiven ist Ihnen die Vorurteilsforschung so wichtig?

Ustinov: Unter anderem weil ich mich sehr über den Irakkrieg aufgeregt habe. Schuld daran war der Charakter von George Bush und all diesen amerikanischen Fanatikern. Ich bin überhaupt nicht antiamerikanisch eingestellt. Aber ich bin ganz und gar gegen dieses Regime. Das sind Verräter der amerikanischen Ideale. Und was mich schockiert: Die Amerikaner haben es noch nicht bemerkt. Politiker müssen eine eigene Meinung haben. Das steht außer Frage. Die ganze Demokratie basiert auf Meinungen - und auf Meinungsänderungen. Aber Meinungen werden zu Vorurteilen, wenn sie einfrieren. Es sind tote Meinungen, die nur noch leben, weil es eine Tradition ist.

Sie haben sich in Ihrem Leben nie auf einen Beruf beschränkt. Sie haben Theaterstücke geschrieben, Drehbücher, Sie sind ein brillanter Musikanalytiker, kurz, ein interdisziplinärer Mensch. Sind Sie jemand, der ständig unter Leistungsdruck steht?

Ustinov: Nein, das ist mir alles einfach passiert. Ich hatte keine andere Wahl. Ich habe immer große Hoffnungen gehabt, aber nie große Erwartungen. Deshalb habe ich alle guten Sachen, die mir geschehen sind, für so erstaunlich gehalten. Und wenn Leute fragen: Bedauern Sie nichts in Ihrem Leben? Da muss ich sagen, ich habe keine Zeit gehabt, um Sachen zu bedauern. Das Leben ist viel zu kurz.

Sie hatten nie Zeit zu bedauern - heißt das, Sie waren nie depressiv?

Ustinov: Ich habe mal ein Theaterstück geschrieben, das schief gegangen ist. Da war ich natürlich deprimiert. Aber in diesem Augenblick bekam ich das Skript für "Quo vadis", die beste Filmrolle, die ich je gespielt habe. Hätte das Theaterstück Erfolg gehabt, hätte ich den Film nie machen können. Seither denke ich: Man kann nicht sagen, dass eine Erfahrung nur gut oder nur schlecht ist. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

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    "Das Interessante an Luther ist", sagt Peter Ustinov, "dass er die ganze Reformation angefangen hat, weil er dachte, dass die Leute in Rom nicht katholisch genug waren. Und das ist meiner Meinung nach das Paradox. Was er dachte, war wirklich höchst intelligent und höchst modern."

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