Zucker bekommt Saures von der EU

6. April 2004, 16:10
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Heimische Rübenbauern und Fairtrade kritisieren ungebremste Marktöffnung

Wien - Im Rahmen der Bemühungen für eine weltweite Liberalisierung des Zuckermarktes kommt es nun im kleinen Österreich zu einem Schulterschluss zwischen den heimischen Rübenbauern und Fairtrade, der Organisation, die sich für marktgerechte Preise, arbeitsrechtliche Mindeststandards und ökologischen Anbau in den Entwicklungsländern einsetzt.

Von einer ungebremsten Marktöffnung - wie von der WTO, der World Trade Organisation gefordert - habe nämlich niemand etwas, erklären Hermann Schultes, Präsident der Vereinigung der österreichischen Rübenbauernorganisationen und Leon Lenhart, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Eine totale Öffnung würde die relativ kleinen bäuerlichen Strukturen in Österreich ebenso schädigen wie sie den ärmsten Ländern (LDC, Least Developed Countries) nicht helfen würde, Märkte aufzubauen. Profiteure wären hingegen Schwellenländer wie Brasilien, wo "wenige Zuckerbarone" in den letzten Jahren massiv investiert hätten. Schultes: "In einem solchen System würden sich nur Große behaupten können."

Schutz soll abgebaut werden

Auf Drängen der WTO soll der EU-Außenschutz für Zucker abgebaut werden - je nach Verhandlungspapier bis 2009 bzw. 2015. Bei der bestehenden EU-Marktordnung für Zucker zahlen Konsumenten um durchschnittlich einen Euro pro Monat mehr auf einem theoretisch freien Markt.

Jedes Land darf eine auf den Bedarf des Marktes abgestimmte Menge an Zucker produzieren, wobei 14 der EU-15 Rübenzucker anbauen.

Außerdem hat die EU begonnen, sich den Zucker produzierenden AKP-Ländern (Afrika/ Karibik/Pazifische Länder) zu öffnen, sodass derzeit zehn Prozent der EU-Marktmenge von dort kommen.

Ein ähnliches Angebot wurde nun den 49 ärmsten Ländern der Welt gemacht. Sie sollen schrittweise bis 2009 in den EU-Markt zollfrei liefern dürfen, unter Einhaltung der bestehenden Marktordnungskriterien. Außerdem sei die EU-Zuckerwirtschaft bereit, den Weltmarkt durch einen Exportverzicht zu entlasten.

Weiterentwicklung

Sowohl Schultes als auch Lenhart sprachen sich für eine Weiterentwicklung des derzeitigen EU Modells aus, da es den Bauern sowohl im Norden als auch im Süden Marktanteile und gerechte Preise sichere. Schultes: "Die Entwicklungsländer sagen selbst, sie sind auf die heutigen garantierten Preise angewiesen, um in ihren Ländern eine Zuckerproduktion aufbauen zu können. Denn sie können mit Großexporteuren wie Brasilien oder Australien nicht konkurrieren." Die Forderung, den Least Developed Countries Übergangsfristen einzuräumen, werde deshalb unterstützt.

Sollten die Forderungen nicht durchgesetzt werden können, drohe im schlechtesten Fall ein ungeregelter Weltmarkt für Rohrzucker; ohne europäische Rübenbauern und lediglich einigen Rohrzuckerraffinerien in Europa, so Schultes. (DER STANDARD Printausgabe, 30.03.2004 ruz)

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