Nun Estag-"Aufdecker" im Zwielicht

5. April 2004, 12:25
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Der ehemalige Aufsichtsratschef Ertler kratzt an Hirschmanns "Aufdecker"-Image - Dieser habe vom kritisierten Gehaltsprämiensystem insgeheim profitiert

Graz - Im Vorfeld der entscheidenden Sitzung des Untersuchungsausschusses des steirischen Landtages am Donnerstag zur "Causa Estag", für die die gesamte Spitze der Landesregierung vorgeladen wird, kommt jetzt auch der "Aufdecker" und entlassene Ex-Estag-Vorstand Gerhard Hirschmann unter Druck.

Hirschmann, der die Debatte um die Misswirtschaft im Stromkonzern Energie Steiermark AG ins Rollen gebracht hat, kommt nun selber als Profiteur des Systems ins Gerede. Immer mehr Ungereimtheiten tauchen auf.

Er wird von seinem ehemals engen Vertrauten, dem Exaufsichtsratspräsidenten Norbert Ertler, belastet. Hirschmann habe zwar das Gehaltssystem der Führungsebene in der Öffentlichkeit als zu hoch kritisiert und damit eine "publikumswirksame Kampagne" gegen sein eigenes Unternehmen gestartet, er habe aber "sehr wohl von diesem Prämiensystem vorab gewusst und auch davon profitiert".

"Selbst ausgehandelt"

Ertler im Gespräch mit dem STANDARD: "Hirschmann hat ja selbst seinen Vertrag plus Gehaltsschema ausgehandelt, akzeptiert und auch unterschrieben. Ich habe ihn noch, bevor er sich bei der Estag als Vorstand beworben hat, also noch in seiner Funktion als Landesrat, sehr genau über das neue Gehaltsschema plus Prämiensystem informiert. Er war in allen Details damit vertraut."

Hirschmann habe auch einen Teil jener vom Rechnungshof nun beanstandeten Prämien "widerstandslos kassiert". Erst den zweiten Prämienteil habe er dann, "als die öffentliche Diskussion um die Gehälter losging" abgelehnt - wie auch die anderen beiden mittlerweile entlassenen Vorstände.

"Palazzo Prozzo"

Auch beim zweiten, zentralen Streitpunkt, den Hirschmann öffentlich thematisiert hatte - die von ihm als "Palazzo Prozzo" titulierte Firmenzentrale - ist nach nun aufgetauchten Unterlagen einiges ungereimt. Hirschmann hatte den Umbau des denkmalgeschützten Hauses als zu luxuriös und teuer angeprangert.

Zuvor, in der Vorstandssitzung vom 28. Mai 2003 hatte er allerdings dem "Endbericht der Sanierung" zugestimmt und erst drei Wochen später, als die öffentliche Debatte längst lief, im Protokoll Aufklärung über die Baukostenüberschreitung deponiert.

Hirschmann verlangt nun seine Wiedereinstellung sowie hochgerechnete 1,4 Millionen Euro Verdienstentgang plus Abfertigung. Estag-Anwalt Michael Zsizsik beurteilt eine Rückkehr Hirschmanns in die Estag aber als "völlig unrealistisch".

International ausgeschrieben

Die Vorstandsposten werden nun erstmals international ausgeschrieben. Die Chancen für Hirschmann, den von ihm angestrengten Prozess, der Jahre dauern werde, zu gewinnen seien "sehr, sehr gering", sagte Zsizsik zum STANDARD.

Hirschmann müsse vielmehr damit rechnen, alle Verfahrenskosten selbst bezahlen zu müssen. Man verfüge über "genügend Unterlagen und Beweise", dass Hirschmann seinem Job als Vorstand nicht entsprechend nachgekommen sei. Es sei im Gegenzug eine Klage gegen Hirschmann nicht auszuschließen.

Unterdessen soll eine weitere aktienrechtliche Sonderprüfung die Frage der Organhaftung klären. (DER STANDARD Printausgabe, 30.03.2004, Walter Müller)

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    Ex-Estag-Vorstand Gerhard Hirschmann kommt als Profiteur des Gehaltssystems ins Gerede. Er habe einen Teil der Prämien "widerstandslos kassiert", so der Vorwurf.

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