Gratis kann oft teuer sein

2. April 2004, 11:24
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Betrachtungen zum Wandel des Glases Wasser aus der Leitung

Wien - Österreichs jährlicher Bedarf an Trinkwasser ist so groß wie der Wolfgangsee nass: 0,7 Milliarden Kubikmeter. Im Schnitt verbraucht jeder Bürger täglich 150 Liter Trinkwasser. 50 Liter davon gönnt er der Toilette, läppische drei Liter werden verkocht oder getrunken.

Früher galt in Österreich: Wenn es gar nichts gab, gab es immer noch Wasser. Wenn es "nichts zu trinken" gab, dann Wasser. Wenn etwas nach nichts schmeckte, dann schmeckte es nach Wasser - und musste schleunigst verändert werden. (So wuchsen Generationen von Dicksaft-Kindern heran.) Und wenn etwas nicht nur weniger als billig, sondern der Komparativ von "kostenlos" und der Superlativ von "gratis" zu sein hatte, dann - Wasser. Nicht umsonst kamen wir am Fuße von Hochquellen zur Welt.

Wasser schmeckt eigentlich gut

Heute gilt in Österreich zweierlei. Erstens: Wasser schmeckt eigentlich gut. Je mehr man trinkt, desto besser und desto klarer ist man im Kopf. Ferner braucht der Körper viel davon. Ja, das tat er früher auch, aber jetzt schreit es die Wellnesswelle so richtig aus ihm heraus. Und die Fitnesswelle spült die Menschen in Parks und Turnhallen. Danach wollen sie nur das eine: Wasser. Zum Wein: Wasser. Zum Kaffee: Wasser. Tee: Nichts als Wasser. Mineral prickelnd. Mineral still. Mineral stumm. - Wasser.

Zweitens gilt, und da kracht die Wirtschaft hinein: Wenn etwas derart gratis ist wie Leitungswasser, kann man keine Geschäfte damit machen, außer man strengt sich an. Das führte zu folgender Überlegung: Das Teure ist immer die Verpackung. Damit Wasser endlich so teuer verkauft werden kann, wie es wertvoll ist, müsste man es in Boxen, Dosen oder Flaschen füllen. Auch eine Karaffe ist eine Art Flasche, und ein Glas ist eine Art kleine Karaffe. So gesehen kann man für ein Glas Wasser schon ein bisschen etwas verlangen. Das haben ehrgeizige Wirtsleute vor einigen Jahren erkannt und ab da trainiert.

Immerhin muss das Wasser der Leitung entnommen und auf den Tisch gestellt werden. Nachher muss das Geschirr abserviert und gewaschen werden. Das erfordert Personal. Wenn wir in einem Lokal fünf Kellner herumstehen sehen, dann sind das jene fünf, die aufgenommen werden mussten, um uns das Wasser zu bringen. Sie stehen nur deshalb herum, weil wir mutwillig kein Inkasso-Wasser bestellen, weil wir gemeinhin nicht deppert genug sind, für etwas, was im Waschraum gratis rinnt, am Tisch unsere mühevoll erworbenen Euros abzugeben. Aber manchmal haben wir Mitleid mit den Kellnern und zahlen doch. So halten sich die Lokale über Wasser, und wir retten die Wirtschaft. (Daniel Glattauer, Der Standard, Printausgabe, 30.03.2004)

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