Raumkünstler, nicht Fassadenarchitekt

3. April 2004, 00:01
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Hans Hollein hat auf der ganzen Welt gebaut: Ein Spaziergang zum siebzigsten Geburtstag des Architekten

Der Architekt Hans Hollein hat auf der ganzen Welt gebaut. Vom jungen Wilden entwickelte er sich zu einem der führenden Vertreter der Postmoderne. Und er ist auch nach deren Ableben seiner Handschrift treu geblieben: Ein Spaziergang zu seinem siebzigsten Geburtstag.


Wien - Um zu den Meilensteine der Architektur Hans Holleins zu gelangen, muss man reisen und so exotische Orte wie Lima, St.-Ours-les-Roches oder Mönchengladbach besuchen. Oder man begibt sich auf einen etwa halbstündigen Kurs durch die Wiener Innenstadt, wo die wichtigsten Werkphasen des Architekten ebenfalls vertreten sind. Von der Albertina führt der Weg über Kohlmarkt und Graben bis zum Stephansplatz.

Um den viel diskutierten, im vergangenen Jahr eingeweihten "Soravia-Wing" auf der Albertina-Bastion zu verstehen, muss man allerdings noch viel weiter zurückgehen. Ende der 50er-Jahre verbrachte Hollein, der an der Wiener Akademie bei Clemens Holzmeister studiert hatte, einige Jahre in den USA. Dort entstanden Collagen und Zeichnungen, mit denen sich Hollein nach seiner Rückkehr bei ersten Ausstellungen in der Galerie nächst St. Stephan als Pop-Art-Architekt präsentierte. In die Weite der amerikanischen Landschaft montierte er Flugzeugträger und riesige Güterwagons, die Skyline von New York bekam ein umgestürztes Taxi aufgesetzt.

Eine "Monumentalisierung des Banalen" nannte der Mentor Heinrich Klotz später diese frühen Kraftgesten, mit denen Hollein den engen Horizont der Nachkriegsarchitektur aufsprengte. Das diagrammartige Bauen der amerikanischen Mies-van-der-Rohe-Jünger erschien dem jungen Hollein als Verrat an der Architektur, die in ihren Ursprüngen von "sakral-sexueller Bedeutung" sei, schreibt er 1962. Reine, "zwecklose", den materiellen Interessen entzogene Architektur mit einer "spirituellen Bestimmung" - man ahnt, dass auch der Soravia-Flügel von solchen Hoffnungen getragen sein mag.

Der Reynolds-Preis Zwischen Kohlmarkt und Graben stößt der Spaziergänger auf zwei Ladenumbauten, den Juwelier Schullin und das ehemalige Kerzengeschäft Retti. Letzteres, von 1964/65, war Holleins erster ausgeführter Bau, der ihm den renommierten Reynolds-Preis einbrachte. Der aluminiumglänzende Fremdkörper hat längst einen anderen Besitzer und wurde im Innern umgestaltet, aber ein für Holleins Arbeiten bestimmendes Prinzip ist noch immer abzulesen. Aus dem beschränktem Platz holte Hollein ein Maximum räumlicher Vielfalt heraus. Um die komplexe Struktur bauen zu können, mussten die Handwerker seinerzeit an Modellen eingewiesen werden.

Im Nachhinein zeigt sich das Kerzengeschäft als Fingerübung für die kommenden, großen Aufträge. 1972 erhielt Hollein den Zuschlag für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach, das ihn zehn Jahre lang beschäftigte. Als der Bau fertig gestellt wurde, war die "Postmoderne" in aller Munde und Hollein galt als ein Vertreter der ersten Stunde. Hier ein Säulenstumpf, dort ein ironisch gebrochener Erker, Steinplatten, wohin man schaut - die Postmoderne erging sich in mehr oder weniger witzigem Collagieren historischer Architektur. Nur dass Holleins Bauten auch dann noch Bestand haben, sollte ihnen der ganze Zitatenschatz bei der nächsten Sanierung abhanden kommen.

Das 1990 fertig gestellte Haas-Haus am Stephansplatz ist außen ein Kind seiner Zeit. Aber im Innern hat Hollein aus der Baumasse dramatische Klippen geformt und Schluchten geschaffen, die auf den Skulpturenschmuck gut verzichten können, der noch dazugepackt wurde. Weder bei seinem Entwurf für ein Museum im Salzburger Mönchsberg, noch bei dem Vulkanismusmuseum in St.-Ours-les-Roches spielt die Fassade eine Rolle. Wenn Hollein den Raum modelliert, ist er ein zeitloser Meister jenseits von "Moderne", "Postmoderne" oder was auch immer.

Nach seiner Emeritierung als Professor der Wiener "Angewandten" denkt Hollein nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Die ungestümen Gebilde seiner frühen Montagen passen wieder in die Zeit. Auch für sein Lieblingsprojekt, das Museum in Salzburg, wittert Hollein nach dem Regierungswechsel wieder eine Chance. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2004)

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    Hans Hollein, der gerne den Salzburger Mönchsberg zu einer Niederlassung des Guggenheim- Museums ausgehöhlt hätte, ...

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    ...erhielt in Frankreich die Chance, ein Museum der Urgewalt, Vulcania, zu bauen. Man gelangt durch den stilisierten Kegel ins Infozentrum am Boden des 35 Meter tiefen Kraters.

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