Der Geist aus der Jazzflasche

2. April 2004, 23:44
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Das "Arkestra" des Bandleaders Sun Ra pflegt das Erbe des "Gurus"

Salzburg - Die Faszination ist ungebrochen, wie ein aktueller Sampler "Sun Ra Dedication: The Myth Lives On" mit Hommagen von Jimi Tenors, King Britts u. a. beweist. Der Geist Sun Ras, dessen Ausstrahlung schon zu Lebzeiten weit über den Jazz hinausreichte, lebt weiter. Samt seiner Musik. Wie außer ihm nur Duke Ellington hat es der Pianist und Komponist, der als Herman Blount geboren wurde, und der Billie Holiday und Colman Hawkins begleitete, ehe in den 50ern als Sun Ra seine Orchester-"Arche" gründete, verstanden, seine Musiker an sich zu binden. Sodass diesen nach seinem Tod gar nicht viel anderes übrig blieb, als weiterzumachen.

"Jemand musste diesen Job tun, sonst wäre das Arkestra auseinander gebrochen. Also habe ich weitergemacht und alle anderen sind mir gefolgt", sagt Altsaxofonist Marshall Allen, der die Arkestra-Leitung innehat. "Sun Ra hat mehr als 500 Kompositionen hinterlassen, die meisten davon sind nie notiert worden. Somit sind wir das Medium, in uns lebt Sun Ras Geist und Musik weiter."

Was denn diesen Geist ausmache? Allen, nach Tenorkollege Charles Davis längstdienendes Arkestra-Mitglied, schildert, wie er anno 1958 in die Band kam: "Als ich Sun Ra vorspielte, sagte er: 'Das ist nicht das, was ich hören möchte.' Auf meine Frage, was ich denn spielen solle, sagte er nur: ,Ich weiß es nicht.' Das ging so stundenlang, ich war völlig irritiert. Bis ich begriff: Er wollte, dass ich etwas anderes spielte, als ich gelernt hatte, etwas, von dem ich selbst nicht wusste, dass es in mir ist."

Ob im Orchesterverbund noch immer Raum für Spontaneität ist, dies darf angehörs der Performances des Arkestra im Salzburger Jazzit und im Ulrichsberger Jazzatelier bezweifelt werden. Marshall Allen führt ein strenges Regiment, bestimmt per Fingerzeig die Solisten und dirigiert die freien Kollektive seiner Männer, die da gleich intergalaktischen Weihnachtsmännern in ihren Glitzerkostümen die Bühne illuminieren:

Wild gewordene Punk-Jazz-Opas, die simpelste, von trashiger Dissonanz und dem archaischen Geist des Swing erfüllte Riffs intonieren, um darüber die berühmten "Space"- und "Planet Earth"-Gesänge und energievolle Soli zu legen. Wobei insbesondere Allen selbst zu überzeugen weiß, dessen brachiale Saxofon-Geräuschattacken seinen Enkeln zur Ehre gereichen würden. Um die mögliche Musealität dieser bizarren Free-Jazz-R&B-Revue macht er sich ebenso wenig Sorgen wie er Sun Ra, den Weltraumphilosophen, infrage stellt. "Man muss nicht alles verstehen", so Allen. "Vieles von dem, was Sun Ra getan hat, hat man erst viel später begriffen." Womit er wohl das stärkste Argument für den Fortbestand des Arkestra nennt:

Harren denn auch abseits von Sun Ras Free-Jazz- und Synthesizer-Pioniertaten geniale Piecen aus dem unüberschaubaren, zumeist in Kleinstauflagen publizierten Oeuvre noch immer der Entdeckung: "Nuclear War" von 1982, kürzlich auf der gleichnamigen Platte reediert, kommt etwa als archaischer Vorläufer des Gangsta-Rap daher. Allen, immerhin 81, wirkt über diesen Vergleich mitnichten überrascht: "Als mein Sohn mit Rap-CDs ankam, überspielte ich ihm ein paar Arkestra-Tapes. Ich musste insistieren, sie zurückzubekommen. Er war total scharf drauf." (DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2004)

Von
Andres Felber

Aktueller CD-Tipp:
Sun Ra Arkestra/Marshall Allen: Music
for the 21st Century (El Ra)

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El Ra records
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    grafik: el ra records
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