US-Biowaffenforschung boomt

5. April 2004, 12:06
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Pentagon-Studie zeigt: Die USA sind auf Biowaffenattacken nicht vorbereitet - mit Kommentar

Washington/Wien - Die Angst der US-Bevölkerung vor Biowaffenattacken wurde durch eine vom Pentagon veröffentlichte Studie weiter geschürt. Diese, nach den Anthraxanschlägen vom Oktober 2001 erstellt, kommt laut New York Times vom Montag zum Schluss, dass die USA kaum in der Lage seien, mögliche Angriffe von Bioterroristen zu vereiteln, geschweige denn, auf einen Biowaffenanschlag adäquat zu reagieren.

Als nicht minder alarmierend werten Wissenschafter und Bedienstete im öffentlichen Gesundheitssystem die diesbezügliche Informationspolitik der US-Regierung: Die Studie ist zwei Jahre alt, wurde bisher unter Verschluss gehalten. Die Öffentlichkeit könne sich auf Attacken aber nur durch ausreichende Information vorbereiten.

Auch jetzt, nach Interventionen von an der Studie beteiligten Forschern, veröffentlichte das Pentagon nur Teile, um keine Informationen über "potenzielle Schwachstellen" des Biowaffen-Verteidigungssystems in Umlauf zu bringen. Zu groß sei die Gefahr, dass sich potenzielle Attentäter der Erkenntnisse bedienen.

Gleichzeitig entstehen in den USA neue Labors, in denen an Killerviren geforscht wird: laut deutschem Wochenmagazin Der Spiegel finanziert aus "diversen Anti-Bioterror-Etats in der Höhe von insgesamt sieben Milliarden Dollar". Der Bedarf an Tests, Impfstoffen und Medikamenten scheint enorm zu sein, zur Herstellung braucht man genügend Informationen über die Erreger.

Die Forderung der Weltgesundheitsorganisation, nach der offiziellen Ausrottung der Pocken in den 1980er-Jahren die letzten beiden in den USA und Russland lagernden Virenstämme aus Sicherheitsgründen zu vernichten, ist seit den Anschlägen vom 11. September und den darauf folgenden Attentaten jedenfalls vom Tisch. Mehr noch: Der Pockenerreger wird wieder beforscht, damit man für den Fall der Fälle gewappnet ist. Immerhin ist das Virus in ca. 30 Prozent der Fälle tödlich.

Auch an Anthrax forschen die USA - nicht erst seit den Anschlägen. Der von Biowaffenexperten gefährlicher als Pocken eingestufte Erreger endet in bis zu 80 Prozent tödlich. Auch das Vogelgrippevirus wird beforscht, es soll mit menschlichen Influenzaviren gekreuzt werden um zu sehen, wie tödlich es sein kann.

Nun wird das Arsenal aufgestockt. Gab es in den USA bisher nur drei Hochsicherheitslabors für derartige Forschungen, wird derzeit auf Galveston, einer vor Texas gelegenen Insel, das neue "National Biocontainment Laboratory" eingerichtet. In der Außenstelle der University of Texas sollen Erreger weiterer tödlicher Krankheiten wie Ebola, Lassa und Krim-Kongo erforscht werden. Ein Zwillingsinstitut ist in Boston geplant, weitere solche Einrichtungen der Sicherheitsstufe vier - der höchsten - in Montana und Maryland. Neun kleinere Labors der Sicherheitsstufen zwei und drei sollen über das ganze Land verteilt werden.

Kritiker bemängeln unter anderem, dass die Forschungen an Killerviren nicht wie bisher üblich in den Labors des Pentagon und damit unter Militärschutz durchgeführt werden sollen, sondern unter Kontrolle von Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtungen. Das Risiko, dass etwas aus den Labors entweicht - und sei es nur Information - sei groß. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 3. 2004)

Kommentar
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